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Die Zukunft war gestern (20)

Eine Nachlese großer Klassiker der Science Fiction soll an Zeiten erinnern, als die Zukunft irgendwo zwischen den Sternen stand und nicht im Dax-Index.

Otto Basil: Wenn das der Führer wüsste (1966) Milena-Verlag, 383 Seiten, 18,90 Euro

Dieses Werk ist die schwarze Messe der Science Fiction, die absolute Negation dessen, wofür das Genre steht – Vertrauen nämlich auf einen Fortschritt der Menschheit. Wenn das der Führer wüsste vom österreichischen Dichter Otto Basil entwirft eine Parallelwelt, in der Hitlers willige Vollstrecker den Krieg gewonnen und den halben Planeten unterjocht haben; Japan kontrolliert den Rest. Die blanke Idee einer anderen, einer humanen Gesellschaft wurde ausgelöscht, es gibt allein den Nazismus und seine beiden Fraktionen, die skrupellose und die sadistische.

Die Ermordung der Juden Europas ist vollendet; an die »Äfflinge« erinnern nur noch ein paar ausgestopfte Exemplare in naturhistorischen Museen. Ein enges Netz von »UmL«, Untermenschenlagern, überzieht Europa und Asiens »Tschandalengebiete«. Die ergreifendste Szene zeigt eine Herde »Menschenvieh«, lobotomisiert und am Leib gebrochen. Unablässig beten die kriechenden Tiermenschen den 43. Psalm, mehr Sprache ist ihnen nicht verblieben. Dieses Flehen (auf Tschechisch) zu einem Gott, der seine Geschöpfe im Stich lässt, vollendet eine Litanei, deren erste Strophe auf der Insel des Dr. Moreau angestimmt wurde.

Die Handlung setzt ein im November 1963, in einem Kaff am Kyffhäuser, das seit dem Endsieg Heydrich heißt. Hier verdingt sich Albin Totila Höllriegl – allein die Namen, die Basil ersinnt, sind eine Abhandlung wert! – als »Strahlungsspürer«, vulgo: Rutengänger und Pendler. Pseudowissenschaft und esoterischer Mumpitz, unverzichtbare Elemente der NS-Ideologie, sind in Höllriegl, dem »Nordischen Daseinsberater«, Fleisch geworden. Dieser tumbe Tor wird ausgesandt, um das Alptraumland der Folterknechte zu retten. Natürlich versagt er, denn er kann nicht anders: Bei Basil lässt sich lernen, dass Nazismus keine Zukunft will. Das Heile, in dem Höllriegl sich zu Hause fühlt, mit rotstichigem Führerbild an der Wand und »Metsaal« fürs gesellige Beisammensein, diese Heimat der vom Knobelbecher bis zur Heldenfresse »reichseinheitlich« normierten »Blau-Blond-Rasse« explodiert wie ein Schlammvulkan, als Hitler unter dubiosen Umständen stirbt und seine Diadochen den Bürger- und simultan einen Atomkrieg entfesseln. Den Weg ins Nichts, das alle Nazis ersehnen, schildert Basil mit einer brutalen Opulenz, neben der Philip K. Dicks The Man in the High Castle wie ein Sommerspaziergang wirkt.

Keiner der Sprechstile, die es im Dritten Reich zur Blüte brachten, vom nassforschen bis zum plumppathetischen, ist Basil fremd, keine gespaltene Zunge, die er nicht beherrschte: Wenn das der Führer wüsste versammelt alle falschen Töne, die das Nazi-Reden färben. In diesen brillanten Parodien erscheint das Buch fast verspielt. Doch der gewaltige, grimmige Satiriker Otto Basil hat etliche Falltüren eingebaut, durch die wir jäh in die gewohnte, bloß durch ein, zwei Quantensprünge von Höllriegls groteskem Kosmos getrennte Realität zurückstürzen, um uns die Augen zu reiben: »Auch der übrige Himmel sah fremdartig aus; er schien wie zerstört, wie ein zerwühltes Bett.«

Kay Sokolowsky


Richtigstellung: Aufgrund eines technischen Fehlers ist im Heft als Erscheinungsjahr 1953 angegeben. Das Buch erschien jedoch im Jahre 1966.

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