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Hitler-Droge vs. Schreibstoff

Zeichnung: Leo Leowald

Daniel Kulla über zweierlei Bewertung des Drogenkonsums von Volker Beck und Benjamin von Stuckrad-Barre

Der eine ist irgendwie Künstler und hat’s mit dem entsprechenden Edelstoff übertrieben, ist nun aber clean, hat sein Herz für Familie und »schwarzrotgelbe Socken« entdeckt und wird gefeiert – Absturz gehört halt dazu. Der andere ist Politiker, wurde mit »Proletendröhnung« aufgegriffen und dafür bekeift – auch von den Oberhäuptern seiner eigenen einstmaligen Drogenlegalisierungspartei (»Grün ist der Wechsel«), die »schweres Fehlverhalten« (Winfried Kretschmann) anmahnten, bevor überhaupt ein Gerichtsverfahren eingeleitet wurde. Mittlerweile wurden die Ermittlungen wegen »geringer Schuld« eingestellt, und der von seinen Ämtern Zurückgetretene zeigt sich reuig.

Bei ersterem, Benjamin von Stuckrad-Barre, ist der Anlass seine jüngst erschienene Lebensbeichte und Udo-Lindenberg-Verklärung Panikherz (Kiepenheuer & Witsch), ein Bewerbungsschreiben an die bürgerliche Gesellschaft, ihn doch bitte wieder aufzunehmen. Beim anderen, Volker Beck, war es die Entdeckung von 0,6 Gramm einer »betäubungsmittelverdächtigen Substanz«.

Vulgo: Politiker, die saufen, kiffen und koksen wie alle anderen auch, werden, wenn einer von ihnen einmal mit der falschen Substanz erwischt wird, auf den ersten Seiten der Blätter verurteilt – den Popkokser, der seinen Konsum zu Literatur verarbeitet, feiert weiter hinten das Feuilleton. Die »FAZ« scherzt: »Ist das Buch, weil Stuckrad-Barre gedopt war, womöglich ungültig?«

Fast alle Medien behandelten den polizeilichen Verdacht gegen Beck als mindestens halben Beweis und machten die Boulevardkolportage, dass es sich um die Unterschichtendroge Meth handele, zur Grundlage weitreichender Psychogramme und politisch-moralischer Erörterungen. Wenn die Historie bemüht wurde, dann die der »Hitler-Droge« (»Bild«), kaum noch ihre entscheidende Rolle bei den Blitzkriegserfolgen der Wehrmacht und erst recht nicht ihr systematischer Einsatz bei Militär und Sicherheitsorganen in der ganzen Welt.

Auch kein Thema: wie sich die Substanz nach ihrer Komplettillegalisierung in den von Bundesgrenzschutz und -polizei kontrollierten Grenzgebieten in Sachsen und Franken festgesetzt hat und von dort aus in den Rest des Landes geschwappt ist. Um die von der Polizei verhängten »Gefahrengebiete«, zu denen auch der Berliner Nollendorfplatz, an dem Beck gefilzt wurde, gehört, geht es ebensowenig wie um die Frage, ob die mit Gegnern eines drogenliberalen, bekennend schwulen, proisraelischen und Anti-Putin-Grünen durchsetzte Polizei mit ihrem gezielten Zugriff direkt vor drei Landtagswahlen einmal mehr als politischer Akteur aufgetreten ist.

Herrschaftliche Rauschkontrolle läuft immer zweigleisig: Verfolgung, Kontrolle und Abschreckung hier, jahrelang ungestörter Konsum der Kulturprominenz dort. Repression wie Duldung gehören zur Herrschaft, die es sich weder leisten kann, Rausch unkontrolliert zu lassen, noch ihn nicht in bestimmten Sphären zuzulassen. Doch statt um Rausch und Herrschaft dreht sich die Debatte um Moral, Wahlkampf. Sogar in Stuckrad-Barres »großem Drogenbuch« (Eva Menasse) geht es weniger um Rausch als darum, alles mögliche zu müssen, als ADHSler Erwartungen zu entsprechen, und um die sich daraus entwickelnden Abhängigkeiten – Kokain, Alkohol, Essstörungen. Rausch scheint der Autor fast nur als ein Mehr des Üblichen zu kennen: mehr Gedanken, bessere Konzentration oder mehr gedankenlose Verwüstung. Als er einmal auf LSD entdeckt, dass er sich »angeregt mit einem Halstuch unterhalten kann, Toten begegnet und Gürtel als dreidimensionale Musik begreift«, findet er das zwar »sehr interessant«, kann damit aber wenig anfangen – sein Rausch bleibt gefangen, erfolgsgebunden.

Er versteht auch nicht, was sogar Peter »Family Guy« Griffin irgendwann mal kapiert hat: dass Abstinenz und Absturz nicht die ganze Auswahl sind, dass es die richtige Dosierung gibt (was Griffin in die Tat umsetzt, indem er die Hälfte des Sixpacks einfach wegwirft), dass sich durch Wahl, Menge und Mischung der Mittel wie auch durch günstige Umgebung und Vorbereitung Rausch auf eine Weise erleben und entfalten lässt, die nicht zwangsläufig in die Zerstörung führen und auch die Mitmenschen nicht stärker in Mitleidenschaft ziehen muss, als sie es gegebenenfalls verdienen.

Ich kann meinen Aufruf von vor 13 Jahren nur wiederholen: Popliteratur in die Produktion! Also: raus aus dem männlich-bürgerlichen Selbsterzeugungsfetisch, der die Vorbedingungen und Folgen der eigenen Spontaneität ausblendet, der ignoriert, dass »Kontrollverlust« fast immer Vor-, Begleit- und Nacharbeit von einem selbst wie meist auch anderen verlangt, diese jedoch unter den Bedingungen des Kapitalfetischs als Plage und Plackerei größtenteils an anderen hängenbleibt, was zu Genervtheit oder gar Traumatisierung führt – das alles taucht bei Stuckrad-Barre nur sehr kurz als »Spur der Verwüstung« auf.

Er schaut mit den Augen des Bürgertums: »Hier passiert gar nichts, und das ist angenehm, solang da draußen gut hörbar alles immer weitergeht.« Proletariat gibt’s nur als Personal, Publikum, vorbeirauschende Masse oder als »Sicherheitsschrank aus der Kategorie ›Proll mit Anzug‹«.

Die eigenen Privilegien sind dem Starautor kaum klar: Kriminalität ist romantisch, weil er nie verknackt wird, und »am Ende würden immer ältere Freunde mit beruhigender Stimme mich … aus allen Höllen rausholen«. Sein Exzess dauert, solange das Geld reicht. Dann geht die letzte Hotelrechnung an die Eltern; beim Entzug nicht mehr Privatpatient zu sein, ist »letzte Ausfahrt«; und die neue Bahncard ist »leider nur zweiter Klasse, denn nun musste gespart werden«. Es interessiert Stuckrad- Barre nicht, wo seine Rauschmittel herkommen, wo seine »Götter« ihre Mittel und ihr Mandat herhaben – alles ist, wie es ist, und als solches so zwingend wie zwangsläufig.

»Auf Sex im Buch hatte er keine Lust«, schreibt der »Wiesbadener Kurier«, »also ließ er ihn weg.« Damit verschwinden aber auch die Frauen fast ganz bzw. reizen nur manchmal noch den male gaze, als »herbe Blondine«, als eine »Frau mit – man kann es nicht anders sagen – TITTEN und irrer Sonnenbrille«, als »amouröse Widrigkeiten «, im Fall von Courtney Love als »verlottertes, sexy Drogenwrack«, im Fall von »Kurt Cobains erster Freundin«: »Jugendbilder von ihr, da war sie ganz süß, und jetzt: ein freundlichverblödeter Fleischberg«, oder in einem Casino in Las Vegas: »Die Frauen sehen auch ziemlich übel aus, ohnehin fällt es schwer, diese Leute eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen.« Er beklagt schließlich, dass ihn kein »Spatzl« retten würde, weil er sie alle vertrieben hat, keine Mutti kommt zum Aufräumen. Aber glücklicherweise ist Udo nebenberuflich Mutterbauch: »Mit Udo sprechen, das ist wie Baden in 37 Grad warmem Wasser.«

Von Daniel Kulla erschien zuletzt Leben im Rausch. Evolution, Geschichte, Aufstand (Ventil)  

 

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