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Zwei Erzählungen

US-Präsident Obama auf Kuba: Rückeroberung durch Annäherung. Von Georg Fülberth


»50 Jahre Isolation haben nicht funktioniert. Lasst uns etwas anderes probieren.«

Barack Obama

 

Der erste Händedruck zwischen Raúl Castro und Barack Obama ist 2013 anlässlich der Trauerfeier für Nelson Mandela fotografiert und gefilmt worden. Damit wurde von seiten der USA eine Ikonografie fortgesetzt und erweitert, zu der auch Bill Clinton beigetragen hatte. 1998, mitten in seinen Lewinsky-Troubles, hatte der Präsident der Vereinigten Staaten Mandela besucht und war fotografiert worden, wie er neben dem schon gebrechlichen alten Mann herging und ihn leicht stützte. Gezeigt werden sollte folgendes: Die weißen Nordamerikaner des 18. und die schwarzen Südafrikaner des 20. Jahrhunderts waren Kolonisierte, die sich befreit haben und durch diese gemeinsame Geschichte verbunden sind. In einer Rede in Havanna am 22. März 2016 hat Obama diese Erzählung auf die Karibik ausgedehnt. Die Kubaner hätten sich am Ende des 19. Jahrhunderts mit Unterstützung der Vereinigten Staaten vom spanischen Kolonialismus befreit, und seitdem seien sie und die US-Amerikaner Brudervölker. Der Präsident legte an der Gedenkstätte für den Dichter und Freiheitskämpfer José Martí einen Kranz nieder.

Aber in den besten Familien gibt es auch Zeiten des Zwistes. Dies sei im Kalten Krieg der Fall gewesen. Den Kampf gegen den Kommunismus findet Obama auch heute noch in Ordnung. Aber das Mittel, das damals gegen Kuba angewandt worden sei: Isolation und Embargo, habe einfach nicht funktioniert. Es müsse nun aufgegeben werden, und der Zweck sei eher zu erreichen, wenn er vom kubanischen Volk selbst verfolgt werde. Ansatzpunkte im Landesinneren gebe es genügend.

Obama sprach zu Vertretern der sogenannten Zivilgesellschaft, traf sich mit Dissidenten und entdeckte eine ökonomische Gemeinsamkeit: Die Exilkubaner in Miami und Unternehmungslustige auf der Insel hätten entdeckt, welche Vorteile es bringe, als »cuentapropistas«, als Selbstausbeuter, und in Genossenschaften zu arbeiten. Da brauche man sich nicht mehr von außen einzumischen. Mehrmals wandte sich der Präsident an die kubanische Jugend. Er selbst sei ja erst ein Baby gewesen, als 1961 der Ärger begann.

Obama kann nicht mehr wiedergewählt werden, muss weniger Rücksichten nach innen nehmen, kann aber auch nichts mehr stemmen. Clinton hatte in dieser Situation versucht, im Nahen Osten Frieden zu stiften, und es ist bekannt, was daraus wurde. Obama weiß, dass er sich in dieser Weltgegend kein Denkmal bauen kann, er versucht es statt dessen mit Kuba und kommt doch mit leeren Händen. Noch nicht einmal die Aufhebung des Embargos hat er mitbringen können, denn für den Vollzug seines Versprechens braucht er den Kongress, in dem seine Gegner die Mehrheit haben. So hat er denn wieder einmal eine seiner machtvollen Reden gehalten, hinter denen nichts steckt. In einer früheren hatte er schon einmal eine Welt ohne Atomwaffen verheißen.

Fidel Castro nahm in der Parteizeitung »Granma« Obamas Rede auseinander. Ergebnis: Sie sei eine einzige Geschichtsklitterung.

Das beginnt schon mit der Interpretation der amerikanischen Befreiungskämpfe. Die von den Kolonisierten weitgehend ausgelöschten Indigenen seien unterschlagen worden. Dass die USA 1898 Kuba auch deshalb gegen Spanien unterstützten, um es selber kontrollieren zu können, hatte schon Obama in seiner Rede eingeräumt. Laut Castro versuchen sie das jetzt wieder. Er erinnert an zwei Generäle des Unabhängigkeitskriegs von 1868–1898, Antonio Maceo und Máximo Gómez, und an die Empörung des Dichters Bonifacio Byrne über die Zumutung, die Kubaner als Söldner der USA zu sehen.

Völlig daneben sei Obamas Sicht auf den Kalten Krieg. Versteht man unter diesem den Konflikt zwischen zwei Weltmächten, dann mag der in Europa und Asien stattgefunden haben, aber nicht in Amerika. Hier handelte es sich ausschließlich um eine bewaffnete Aggression der Vereinigten Staaten gegen Kuba. Die Waffen, mit denen die Truppen des Diktators Batista die Guerilla bekämpften, kamen aus den USA. Eine Fortsetzung dieses Kurses war die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht 1961.

Für Castro ist 1962 der Versuch der UdSSR, Raketen auf Kuba zu plazieren, nicht Teil des Wettrüstens gewesen, sondern Schutz vor einer weiteren Aggression. Er hat damals lernen müssen, dass dies für die Sowjetunion nur ein untergeordneter Gesichtspunkt war. Ihr ging es um einen Deal, bei dem die USA im Gegenzug zum Verzicht der UdSSR auf die Stationierung ihre Jupiter- Raketen aus der Türkei zurückzogen. Castro erwähnte das diesmal nicht, aber lange nachdem Gorbatschow ihn hatte fallenlassen, ließ er durchblicken, dass Kuba damals nur ein Bauer in einem Spiel war, in dem es nicht in erster Linie um seine Interessen ging. »Nach allem, was ich gesehen und erfahren habe, war es das nicht wert«, erklärte er 2010 in einem Interview. Andererseits: Wäre Kuba damals auf andere Weise zu helfen gewesen?

Auch das Engagement seines Landes in Afrika war für Castro nicht Teilnahme am Ost-West-Konflikt, sondern Kampf gegen den westlichen Kolonialismus. Dessen Komplize Südafrika war damals eine Atommacht. Sehr interessiert zeigt sich Castro an der Frage, welchen Anteil die USA an der Ausstattung des Apartheidregimes mit Kernwaffen hatten. Dass diese dann demontiert wurden, war Ergebnis einer Verschiebung des Kräfteverhältnisses, zu der Kuba beitrug.

Diese Kämpfe, an die Castro hier erinnert, gehen seiner Meinung nach weiter. Eine neue Invasion stehe bevor: Einst kam sie von den spanischen Konquistadoren. »Der Tourismus von heute besteht größtenteils darin, die Schönheiten der Landschaft und die exquisiten Früchte unserer Meere anzupreisen, und daran ist immer das Privatkapital der großen ausländischen Unternehmen beteiligt, deren Gewinne jeweils Milliarden von Dollar erreichen müssen, um überhaupt der Rede wert zu sein.«

Fehler der Vergangenheit haben Vorteile für diejenigen, die sie nicht selber begangen haben, aber durch sie gewarnt sein können. Was Obama predigt, ist der konterrevolutionäre Wandel durch Annäherung, der in Deutschland 26 Jahre (von Egon Bahrs Tutzinger Rede 1963 bis 1989) benötigte, aber dann ja klappte. Wer jetzt über den Besuch des US-Präsidenten in Havanna so jubiliert wie 1987 einige Enthusiasten anlässlich des Honecker-Besuchs in Bonn – endlich habe der Westen die Tatsache anerkannt, dass der Sozialismus unbesiegbar sei –, sollte sich das noch einmal überlegen. Im Fernsehen waren kubanische Leute zu hören, die sagten, Menschenrechtsprobleme hätten sie nicht, aber ökonomische. So ist es.

Wie Obama wendet sich Castro auch an die kubanische Jugend. Es klingt manchmal, als rufe er ihr etwas hinterher.

Obama führte sich auf, als habe er gewonnen und könne es sich deshalb leisten, mit der Geschichte Schlitten zu fahren. Castro antwortete mit historischer Exaktheit. Er schrieb, mit seiner Antwort nehme er eine »elementare Pflicht« wahr. Es ist aber nicht die einzige, der sich die Kommunistische Partei Kubas jetzt gegenübersieht.

 

Georg Fülberth schrieb in konkret 10/15 über das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus

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