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Lieschen Müller macht sich ein Bild

Über die Linkspartei, ihren Antikapitalismus und eine Torte. Von Thomas Blum

Reden wir nicht von der Torte. Reden wir zunächst von der Linkspartei, über deren Vorgängerin PDS ein »Junge Welt«-Kolumnist – ich zitiere aus dem Gedächtnis – einmal gesagt hat, er habe sie gewählt, weil Deutschland Strafe verdient hat. Reden wir davon, was die Partei so fortschrittlich macht.

Reden wir zum Beispiel von ihren Wahlplakaten, auf denen in zentimeterdicken Lettern, die stark an die Buchstaben auf den Titelseiten der Boulevardblätter erinnern, der Neid auf »Millionäre« geschürt wird, auf denen also die besonders armseligen Instinkte der Wählerschaft angesprochen werden. Vermittelt wird da nicht zum ersten Mal ein extrem simplifiziertes Bild des Kapitalismus, ganz so, als hätte es Regalwände voller Philosophie, politischer Theorie, Literatur, Soziologie und Geschichtswissenschaft nie gegeben. Politische Bildung kann so einfach sein: die da oben, wir da unten, der kleine Mann von der Straße gegen die (bevorzugt fremdländischen beziehungsweise wurzel-und ortlosen, international ihr Unwesen treibenden) Bonzen und Geldsäcke. Auf dieses beängstigend eindimensionale Bild scheint Kritik am Kapitalismus heute geschrumpft. Dabei ist es notwendig, den Kapitalismus als komplexes gesellschaftliches System zu begreifen und zu kritisieren.

Ein Bild vom Kapitalismus wird da also transportiert, wie Lieschen Müller es sich macht und wie es in nur geringfügig anderer Form Parteien wie die NPD verbreiten. Ein Bild, das, schließt man die einschlägigen Formulierungen wie »Schluss mit …!« und ähnliche den »Volkszorn« aktivierende Phrasen mit ein, auch die Gewalt- und Auslöschungsphantasien des Stammtischs bedient.

Statt dem Wähler also die alten Flausen von der mit Jägerzaun gesicherten Scholle und dem vermeintlich bedrohlichen Fremden auszutreiben und ihn behutsam an die Idee heranzuführen, dass in einer modernen Gesellschaft ethnisierende Ordnungsphantasien und rassekundliche Erörterungen fehl am Platz sind, wird, früher auf PDS-, heute auf Linkspartei-Plakaten, mit Vokabeln wie »Wir« oder »Heimatliebe« und vergleichbarem billigen Identitäterä versucht, von derlei Phantasien des Wählers zu profitieren und ihn in seinem tumben Stolz auf seinen »Sesshaftigkeitshintergrund« (Max Goldt) zu bestärken.

Reden wir von Sahra Wagenknecht, die sich als Klassenkämpferin inszeniert, die auch deshalb von nicht wenigen in ihrer Partei kultisch verehrt wird und die sich die von den Medien obsessiv strapazierten Vergleiche mit Rosa Luxemburg zwar gefallen lässt, tatsächlich aber zeitweise kaum anders daherredet als jene, die sie politisch zu bekämpfen vorgibt: »Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht dann eben auch verwirkt«, sagte sie im Januar auf einer Pressekonferenz. Sieht man einmal davon ab, dass der Begriff »Gastrecht« keine juristische Gültigkeit hat, klingt in einer solchen Aussage nicht nur das bekannte Vokabular, sondern auch die Ideologie der Rechten an: Straffällige Ausländer raus.

Von der AfD wurde die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei für »diese vernünftige Haltung« prompt gelobt, was aber keine weiteren Denkprozesse in Gang gesetzt zu haben scheint. Auch eine freimütig völkisch-nationalistisch und rassistisch auftretende Organisation wie Pegida wurde von Wagenknecht in der Vergangenheit nicht ausgegrenzt. Schließlich überschneidet sich das Pegida-Milieu in Teilen mit der strukturkonservativ-nationalbolschewistischen Wählerschaft der »Linken«.

Ein weiteres Beispiel: Als im April vergangenen Jahres die enge Zusammenarbeit zwischen BND und dem US-amerikanischen Geheimdienst NSA bekannt wurde, nahm Wagenknecht dies zum Anlass, auf ihrem Twitteraccount Deutschland als »US-Kolonie« zu bezeichnen (auch dies ein unter Neonazis beliebtes Motiv: Ahnungslose Deutsche werden zu Opfern undurchschaubarer fremdländischer, bevorzugt angloamerikanischer Machenschaften) und zu monieren, dass die Geheimdienste »zum Schaden deutscher Interessen« gehandelt hätten. Sagen wir’s so: Es gab hierzulande mal eine Zeit, in der jeder noch halbwegs bei Verstand gebliebene Linke froh gewesen wäre über alles, was »zum Schaden deutscher Interessen« geschieht.

In einer für die deutsche Ausgabe des Magazins »Vice« verfassten Analyse von Wagenknechts einschlägigen Äußerungen weist Alexander Nabert nach, dass einige von Wagenknechts Parolen »von denen der NPD nicht mehr zu unterscheiden« sind. »In der ganz linken Linken steckt verdammt viel rechtes Gedankengut. Vieles davon mag nur Strategie sein, um rassistische und nationalistische Wähler zu mobilisieren – das macht Sahra Wagenknechts rechte Aussagen aber nicht besser.«

Auch der Parteivorsitzende Bernd Riexinger will ehemalige Linkspartei-Wähler, die heute Rechtspopulisten wählen, »zurückholen«, wie er sagte. Warum? Was will man mit diesen Leuten? Sollte man nicht froh sein, dass man sie endlich los ist? Und: Wie will man sie »zurückholen«? Indem man die verlorene ostdeutsche Heimat gegen das international agierende US-Finanzkapital verteidigt und auch sonst »deutsche Interessen« vertritt? Kann man machen. Nur müsste die Linkspartei sich dann der Ehrlichkeit halber in Rechtspartei umbenennen.

Als auf dem jüngsten Parteitag eine Torte auf Wagenknecht geworfen wurde, fanden die Delegierten innerhalb weniger Minuten zu einer Einigkeit, wie man sie für gewöhnlich nur von den Vertriebenenverbänden und anderen landsmannschaftlichen Trachtenvereinen kennt. Wie Kaiser Wilhelm II. 1914 keine Parteien mehr kennen wollte, sondern nur noch Deutsche, so wollte man in der »Linken « keine innerparteilichen Konflikte mehr kennen, sondern nur noch Genossinnen und Genossen. Plötzlich gab es keine Diskussionen mehr über fragwürdige Positionen einzelner Funktionsträger und keine Debatte mehr über den AfD-Ähnlichkeitswettbewerb, an dem einzelne in der »Linken« sich derzeit nicht weniger rege beteiligen als die Besorgtebürgerversteher anderer etablierter Parteien.

Was es statt dessen gab, war daumendickes Pathos und heulsusiges Worthülsendeutsch: »Das war nicht nur ein Angriff auf Sahra Wagenknecht, das war ein Angriff auf uns alle«, jammerte Parteichefin Katja Kipping. Es wurde eine Torte geworfen. Man möchte nicht wissen, was für einen Phrasenapparat Kipping auffährt, wenn wirklich mal was passiert.

Es sei »unerträglich, wie eine seit über 90 Jahren eingeführte Happening-Form der überspitzten Missbilligung jetzt diffamiert wird«, schrieb auf Facebook der »ND«-Autor Rainer Balcerowiak und fragte sich, was der Wurf einer Torte »gegen jene Verbrechen von linken Politikern« sei, »die die Aktion jetzt als ›asozial‹ brandmarken und in Regierungsverantwortung gerne Löhne im öffentlichen Dienst senken, kommunale Wohnungen verkaufen (Berlin) oder mit der Kohlemafia paktieren (Brandenburg)«. Und die, so möchte man ergänzen, bisher keine Möglichkeit ausgelassen haben, sich in jener Schleimspur zu bewegen, die die SPD auf ihrem Weg durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat.

Thomas Blum ist Feuilleton-Redakteur des »Neuen Deutschland«

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