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Lächerlichkeit als Waffe

Ein prophetischer Roman Ilja Ehrenburgs, den der Autor aus seinen Gesammelten Werken gestrichen hatte, ist neu erschienen. Von Sonja Vogel


Es ist ein Seufzer, der Lasik Roitschwantz aus dem Alltag in seinem chassidischen Dorf Homel reißt und zu einem Getriebenen macht. Ausgestoßen hatte er ihn vor einem Plakat des »erprobten Führers des Proletariats von Homel, Genosse Schmurigin«. Roitschwantz, ein kleiner Hosenschneider, landet dafür im Gefängnis. »Es wäre besser gewesen, er hätte nicht geseufzt!«, lautet darum bereits der zweite Satz in Ilja Ehrenburgs Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz.

Erstmals wurde der Roman 1928 in einem russischsprachigen Exilverlag in Berlin veröffentlicht. Nun hat ihn in Die Andere Bibliothek  in seiner ersten, grandiosen Übersetzung von Waldemar Jollos neu aufgelegt. Der Kleinverlag hat sich in den letzten Jahren um die russische Exilliteratur verdient gemacht.

Roitschwantz’ erster Knastaufenthalt gibt bereits einen Vorgeschmack auf all jene Gefängnisstrafen, die auf den nächsten 350 Seiten folgen werden. »Man kann mich noch nicht hinauslassen, und man kann mich nicht schon erschießen«, analysiert Roitschwantz im Gefängnis. »Folglich wollen sie, dass ich den neununvierzigsten Fragebogen ausfülle. Aber sagen Sie doch selbst, woher soll ich wissen, wieviel Kubikmeter Luft mein selbstloser Vater verschluckt hat?« Trotz aller Bemühungen wird er es den Mächtigen nicht recht machen können.

Bei den Versuchen, es doch zu tun, wird er zum Verantwortlichen für die Vermehrung der Rassekaninchen, wacht über die Anständigkeit der Tänze im Angestelltenclub Wohlgeschmack, es verschlägt ihn nach Polen, er streunt durch Pariser Cafés, kommt nach Berlin, Moskau und England, wo er als »bolschewistischer Agitator« verhaftet wird. Er schreibt marxistische Vorworte, bekennt sich öffentlich als »reuiger Bolschewist«, wird Missionar der Gesellschaft Das gerettete Israel.

In diesen kleinen Episoden nimmt der Autor viele der Konflikte und internationalen Verwirrungen zwischen der Hoffnung der Oktoberrevolution und Stalins Terror vorweg. Roitschwantz ist an jedem der Orte, in die es ihn verschlägt, schnell berüchtigt, bleibt aber fehl am Platz. Wegen seiner Gutmütigkeit, mit der er die »Dienstverpflichtungen «der neuen Zeit annimmt, treibt es ihn immer weiter. Ehrenburgs Protagonist, der sich selbst bloß als »Kleingewerbetreibender« bezeichnet, ist ein »kleiner Mann«, wie er in der großen Literatur häufig vorkommt – bei Hans Fallada etwa oder in Der brave Soldat Schwejk.

Halt geben ihm das Alltägliche, die Talmud- und Dorfgeschichten, in denen er sich in den Monologen, die er den KPlern zu seiner Verteidigung hält, immer wieder verliert. Das Kleine hilft dem Schneider über die Zumutungen der Wirklichkeit hinweg. Meist bringt ihn das in noch größere Schwierigkeiten, aber seine spitzbübische Unverwüstlichkeit bringt ihm doch ein wenig Trost. Im Nachwort beschreibt Peter Hamm Roitschwantz’ virtuose Lächerlichkeit als Waffe, die er »gegen den furchtbaren Ernst der Mächtigen« richte.

Auf den brutalen Spott der Genossinnen, Funktionäre und Exilanten, die Roitschwantz auf den 355 Seiten pausenlos erträgt, folgen indes Haft und Folter. Es ist eine Variante des Antisemitismus, den Ehrenburg seit seiner Kindheit erlebte. Geboren 1891 in Kiew, erlebte er dort 1919 ein erstes antisemitisches Pogrom, das ihn stark prägte – auch deshalb, weil er es nicht verstand.

Die Brutalität dieses realen Irrwitzes fängt Ehrenburgs Sprache auf. Sie ist zugespitzt, wie die Ereignisse sich zuspitzen. Roitschwantz schraubt sich mit talmudischen Gleichnissen und der eiernden Logik in immer neue Höhen der Absurdität – vermischt mit den umständlichen Phrasen des Marxismus-Leninismus erzeugt dies eine berauschende Komik.

Der Roman endet mit einer erstaunlichen Wende. Roitschwantz schließt sich einigen Juden auf dem Weg nach Palästina an. »Vielleicht würden die Juden doch höflicher sein als diese mächtigen Briten. Gut! Auch er war jetzt ein brennender Zionist, und er fuhr jetzt zu verbilligtem Tarif in sein teures Vaterland.« Dort stirbt er dann als Aussätziger. Roitschwantz’ neue Existenz in Palästina ist überraschend, weil Ehrenburg sein Leben lang ein überzeugter Antizionist war. Viel Hoffnung steckt in diesem Ende schon 1928 nicht mehr.

Bereits als Ehrenburg 1937 zu Besuch nach Moskau kam, war er verzweifelt, schockiert vom stalinistischen Terror. Dass er sich trotzdem nicht gegen ihn wandte, gehört zur Tragik Ehrenburgs. Er schrieb Stalin Briefe, bat um die Ausreiseerlaubnis – nicht wenige hatten solche Bitten mit dem Leben bezahlt. Wie groß musste Ehrenburgs Zutrauen gewesen sein?

Kennt man die Geschichte des Autors, stolpert man im Buch über einige Passagen. Einmal hält man Roitschwantz im Zug für einen anderen, und er beschwert sich darüber, dass eine solche Verwechslung tödlich sein könne. Der Mitfahrer antwortet Roitschwantz: »Wird der Wald abgeholzt, so fliegen die Späne.« Auch Ehrenburg, der radikale Antifaschist, schluckte einiges. Im Spanischen Bürgerkrieg wurde er als Korrespondent abgesetzt, weil er Jude war – Grund dafür war der von Ehrenburg verteidigte Hitler-Stalin-Pakt. Mit dem Überfall der Sowjetunion wurde er dann zum Sprachrohr der Roten Armee. Und auch als Hunderte Mitglieder des von Ehrenburg gegründeten Komitees Jüdischer Antifaschisten hingerichtet wurden, ließ er sich von Stalin als Friedensbotschafter durch die Welt schicken. Am Ende schaute er zu, wie sein Freund Nikolai Bucharin 1938 sein Leben ließ.

Der Seufzer des Lasik Roitschwantz scheint darum geradezu prophetisch. In seinen Memoiren zitiert Ehrenburg Puschkin: »Hütet euch, durch Tränen Verdacht zu erregen. / Ihr wisst: In unserer Zeit sind auch Tränen Verbrechen.« Ehrenburg war einer der wenigen Kosmopoliten, die überlebten. Als Russe und Jude zwischen chassidischem Schtetl und sozialistischer Doktrin, Ost und West, Tradition und radikaler Moderne ist das Balancehalten zwischen Anpassung und Verfolgung für ihn immer ein akrobatischer Akt gewesen – wie eben auch für Lasik Roitschwantz.

Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz hat in der Sowjetunion nie erscheinen können. Und noch nach Stalins Tod 1953 hatte Ilja Ehrenburg selbst den großartigen Roman aus seinen Gesammelten Werken gestrichen. Aus vorauseilendem Gehorsam vielleicht oder aus Furcht. Er selbst sagte indes, er halte eine Veröffentlichung nach Holocaust und NS-Herrschaft für zu früh.

Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz. Aus dem Russischen von Waldemar Jollos. Die Andere Bibliothek, Berlin 2016, 408 Seiten, 42 Euro

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Im redaktionellen Vorspann der Printausgabe stand irrtümlich, der Roman sei erstmals auf Deutsch erschienen, es handelt sich aber um eine Neuauflage der ersten Übersetzung von 1929. Wir bitten um Entschuldigung. D. Red.


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