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Wenn der Staat Maßnahmen zur Terrorprävention an Schulen ersinnt, empfiehlt sich nur eins: Schwänzen.

Von Kendra Briken

 

Der Unterbietungswettbewerb der Integrationsbeschleuniger von rechts außen läuft seit geraumer Zeit, und nicht erst seit »Köln« wird die Stange, unter der die Geflüchteten hindurchkriechen müssen, immer tiefer gehängt. Die Reduktion von Menschen auf ihre Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt ist nicht neu. Jeder Job ist besser als keiner, um zu beweisen, dass man dem deutschen Volk dienen will. Die Spezialdemokratie revitalisiert Ein-Euro-Jobs, in Dresden scheinen die Stadtvorderen überzeugt, dass Müllsammeln und Unkrautjäten in der Innenstadt noch keinem geschadet hat, der heute kommt und morgen bleibt. Leistung, Unterwerfung und Dankbarkeit sind bewährte Schlüsselqualifikationen für eine Karriere auf dem deutschen Niedrigstlohnmarkt, doch etwas Bildung muss auch sein. Wer Bildung sagt, meint Schule, und die ist für »Integration« mindestens so wichtig wie der Arbeitsmarkt – irgendwo müssen ja besagte Schlüsselqualifikationen erworben werden.

Der Hamburger CDU-Fraktion ist Bildung allein aber zu wenig Überbau, sie will Flagge zeigen. 2006 hat das gut geklappt, leider war die Welt damals nur zu Gast und ging dann wieder. Was tun? »Erfahrungen anderer Einwanderungsländer wie der USA« hätten gezeigt, »dass Flaggen – wie auch der Gesang einer Nationalhymne –« in der Schule eine »zusätzliche emotionale Identifikation« bewirken könnten, die bei der »Abwehr von Bedrohungen unserer offenen Gesellschaft« helfen könne. Die CDU ist da ganz bei sich und Donald Trump. Auch der forderte letzthin mehr Patriotismus an den US-Schulen. Kriegsveteranen sollen im Unterricht amerikanische Werte vermitteln.

Bildungsforscher weisen seit Jahrzehnten nach, wie stark Schulsysteme weltweit (aber in besonderem Maß in Deutschland) exkludierend wirken und soziale Ungleichheiten verstärken. Die neoliberalen Verwüstungen manifestieren sich längst nicht mehr nur im Mangel an Lehrenden, sondern auch an Infrastrukturen. Zeig mir dein Schulgebäude, und ich weiß, wie es um deine Kapitalien bestellt ist. Zur Berliner Situation gibt es inzwischen einen Blog, dessen Titel für sich spricht: »Einstürzendeschulbauten«. Im schottischen Edinburgh mussten unlängst 17 Schulen geschlossen werden, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Baufirmen, die auf der vertraglichen Basis einer Public Private Partnership gearbeitet hatten, grobe Mängel hinterlassen haben. Ein US-amerikanischer Infrastrukturplan vergibt ein D (»poor«) an die Schulen. Ähnliche Berichte lassen sich für Kanada, Belgien und Frankreich finden. Im April hatte eine Gruppe von Eltern eine Pariser Grundschule im 20. Arrondissement besetzt, Ratten tummelten sich im Schulgebäude, und sicher schienen die maroden Mauern längst nicht mehr. Müßig zu erwähnen, dass das in Reiseführern gern als »ethnisch durchmischt« beschriebene Quartier näher an den Banlieues als an den Pariser Prachtvierteln liegt.

Gila Lustiger, die in ihrem Buch Erschütterung auslotet, wie es zu den Terroranschlägen und insbesondere auch der antisemitisch motivierten Gewalt gegen Juden in Frankreich kommen konnte, beschreibt, wie wenig subtil französische Politiker und ihre bürokratischen Apparate Integration sagen und dabei unverhohlen durch Kartierung, Benennung und bevormundende Behandlung Exklusion betreiben. So werden etwa Schulen in »sensiblen urbanen Zonen« im Netzwerk »Ehrgeiz und Erfolg« zusammengefasst. Die in Paris lebende Tochter des Historikers Arno Lustiger, die Bildung an sich für die »beste Terrorprävention« hält, zeigt, wie demütigende Erfahrungen mit staatlichen Institutionen Frust und Aggression fördern. Verstärkt wird dies durch eine nationale Polizei, die – wie in anderen europäischen Ländern auch – auf der Straße vor allem rassistisch motiviert agiert – Beleidigung als Alltagserfahrung, die sich in den Kontakten mit staatlichen Institutionen multipliziert. Lustiger konzediert: »Sprache und Schriftkultur, das waren« für die Opfer des Alltagsrassismus »die Formblätter der Behörden, die sie auszufüllen hatten, um sich ein ärztliches Attest, eine Bescheinigung oder Arbeitslosengeld zu verschaffen«. Und über allem weht die französische Flagge.

Ohnehin ist die Verbindung zwischen Schulen und Polizei ein wenig beachtetes Terrain. Unter dem Deckmantel von Drogenprävention, Anti-Gewalt-Training bis zu Verkehrserziehung sind deutsche Beamte regelmäßig im Unterricht aktiv. Dass dies rechtlich mindestens eine Grauzone ist und kaum empirisch erforscht ist, was da im Unterricht überhaupt passiert, ist das eine. Zu vermuten ist, dass die durch den eklatanten Ressourcenmangel überforderten Lehrer die Beamten heute oft genug als herbeigesehnte Autoritäten willkommen heißen. Denn vielleicht kann an dem notorischen Störenfried endlich ein Exempel statuiert werden? Das staatliche Gewaltmonopol leibhaftig erfahrbar im Schulunterreicht – mit Blick auf den latenten institutionellen wie konkreten Rassismus der Exekutivgewalt wird dies für nicht wenige Kinder ein zweifelhaftes Vergnügen bleiben. In den USA werden die Konsequenzen einer solchen Polizeiarbeit etwa im Zusammenhang mit dem »school to jail track« diskutiert, der vor allem für männliche schwarze Jugendliche zu einer beinah unausweichlichen Realität geworden ist: Besonders sie werden schon in der Schule für kleine Vergehen und mangelnde Disziplin unverhältnismäßig hart bestraft, die Bildungsinstitution übernimmt Maßnahmen eines repressiven Gefängnissystems und Null-Toleranz- Politik (Polizeipräsenz inklusive).

Dass Schulen deutlich mehr Potential bieten, zeigt sich in Großbritannien. Nach den Sozialarbeitern nimmt man dort nun auch Lehrer und Uni-Dozenten in die »policing family« auf. Das kaum getarnte Programm zielt darauf, Lehrer als öffentliche Bedienstete zu »proaktiven« Präventionsbeamten in Sachen Terrorabwehr – kurz: zu Spitzeln – zu machen. Verhalten, das auf eine politische Radikalisierung hinweist, sollen die Lehrer der Polizei melden. Erste Fälle verdächtigter Studierender gibt es bereits, das Ausmaß der Folgen falscher Anschuldigungen ist nicht absehbar. Dass es in besonderem Maß Muslime trifft, kann nur die überraschen, die sich die Website preventforschools.org mit ihren zur Kenntlichkeit ausgestellten Klischees bislang nicht angeschaut haben.

Gleichzeitig unterstützen die Schulbehörden sinnvolle Aktionen kaum, etwa das Heroes- Projekt in Deutschland, in dem junge Männer, die selbst aus Milieus mit patriarchalen Strukturen kommen, auf einer Peer-to-peer-Ebene mit anderen männlichen Migrantenkindern über Geschlechterrollen und Ehrbegriffe diskutieren und gegen die Unterdrückung von Frauen und gegen Antisemitismus kämpfen.

Schulen bleiben Ausdruck gesellschaftlicher Formationen. Sie spiegeln derzeit einen »kapitalistischen Absolutismus« (Franco Berardi), in dem Täuschung, Betrug und Gewalt längst normal sind. Terror wird die CDU mit nationalem Symbolismus an der Schule ebensowenig aufhalten können wie Andrea Nahles mit Lohnarbeitssimulationen am Arbeitsmarkt.

Gila Lustiger: Erschütterung. Über den Terror. Berlin-Verlag, Berlin 2016, 160 Seiten, 16 Euro

In Kendra Brikens Dorfschule war in den Siebzigern das Spiel »Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann« eine beliebte Ertüchtigungsübung

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