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Doppelter Selbstmord

Der Verlag teilt mit, sein Autor Reuter, Jahrgang 1968, habe Islamistik studiert, berichte seit zehn Jahren für "Geo", "Stern" und "Die Zeit" aus der islamischen Welt zwischen Marokko und Kirgistan und habe 1997 den Springer-Journalistenpreis erhalten. Eine fast zu ausführliche Warnung. Mit Experten verhält es nämlich so, daß weder Studium noch Anwesenheit vor Ort den Denker machen. Ich kenne einen Haufen Journalisten, der seit Jahrzehnten in Hamburg lebt, und würde mir doch von keinem sagen lassen, wer Ronald Schill ist. Und was sind zehn Jahre zwischen Marokko und Kirgistan gegen ein ganzes Leben zwischen Alster und Elbe?

von Hermann L. Gremliza

Selbstmordattentäter - Psychogramm eines Phänomens: der Untertitel von Reuters Buch warnt ein zweites Mal. Daß "Psychogramm" die Ausrede für Unfähigkeit zur Analyse ist, war bekannt. Daß ein Phänomen, also eine Erscheinung, eine Psyche hat, ist zwar neu, gilt aber vielleicht nur für islamische Phänomene zwischen Marokko und Kirgistan. Wie ja überhaupt im Orient des Autors viele rätselhafte Dinge vorkommen. Aus ihrer vierhundert Seiten dicken Fülle noch eines nur anzuführen: Die Alternative, vor welcher Israel stehe, sei "zwei Alternativen: Frieden oder Unterwerfung".

Andererseits war der Autor nicht faul. Er hat viel Material, auch nützliches, zusammengetragen und die Reportagen, die er je für "Geo", "Stern" und "Die Zeit" geschrieben hat, noch einmal aufgekocht. Alles, was in den letzten zehn Jahren zum Thema gesagt worden ist, kommt irgendwie vor: der "Werther-Effekt", die Assassinen, der Schlüssel fürs Paradies um den Hals, Kamikaze, das "schiitische Moment der Märtyrerverehrung", die "Kultur des Todes" undsofort.

"Daß Menschen sich selbst opfern, um andere zu töten, daß sie den Nutzwert ihres Lebens nur noch als Waffe sehen, hat etwas Beängstigendes, Verstörendes", beginnt der Autor, der selber einen eher animierten Eindruck macht, was an der gewissen deutschen Sympathie für die islamische Welt liegen mag, die in seinen Texten genau so weit reicht, wie es das Grundgesetz des preisverleihenden Verlagshauses Springer grade noch erlaubt: "Die Brisanz der Situation besteht darin, daß zwar das Gesamtbild der Verschwörungstheorie falsch ist - aber einzelne Teile durchaus stimmen ... Die beinahe täglichen Fernsehbilder von Gefechten, dürftig bewaffneten Palästinensern und israelischen Panzern, Jets, Helikoptern mögen selektiert sein: falsch oder gefälscht sind sie nicht. Israel ist Wirklichkeit, ebenso wie die Vertreibung Hunderttausender im Krieg 1948, die Besetzung von Gaza, der Westbank, Ostjerusalem, das Nichtbeachten aller UN-Resolutionen, die Unterstützung durch Amerika." Er muß, wenn es um Juden geht, statt Auswahl Selektion sagen.

Es ist im Leben, im Orient wie im Okzident, häßlich eingerichtet, daß die Denker nicht recherchieren wollen und die Rechercheure nicht denken können. Karl Marx allerdings war geradezu der Begründer einer recherchierenden Denkschule. Von ihm ist 1999 in den USA die kritische Ausgabe einer kleinen Arbeit erschienen, die der Neue ISP Verlag unter dem Titel Vom Selbstmord auf Deutsch verlegt. Das Bändchen wiegt mit seinen 118 Seiten ein Kilo weniger weniger als Reuters Psychogramm. Von seinen 118 Seiten gehen acht auf das Vorwort von Michael Löwy, 38 auf die Einleitung der Herausgeber Kevin Anderson und Eric A. Plaut, 35 auf den französischen Originaltext des Du suicide et de ses causes von Jacques Peuchet, 18 Seiten auf dessen Übersetzung durch Marx, 15 auf editorische Vor- und Nachbemerkungen, Inhaltsverzeichnis und Impressum. Von Marx selber bleiben fünf Absätze Einleitung, zwei Absätze Nachwort, einige Hervorhebungen in Peychets Text sowie ein paar Striche und vorsätzliche Falschübersetzungen (von den Herausgebern akribisch vermerkt und richtiggestellt). Und doch: was für ein schönes, kluges Stück Literatur.

Jacques Peuchet, geboren 1760, hat sich mit Geschick und Tücke durch Revolution und Restauration geschlagen. 1815 wurde er Archivbewahrer der Polizeipräfektur zu Paris. Er sammelte die Akten über die 2.808 Selbstmorde in der französischen Hauptstadt zwischen 1817 und 1824, untersuchte ihre Ursachen, stellte sie statistisch zusammen und veröffentlichte die Ergebnisse in seinen Memoiren. Schon die ersten Sätze der Studie müssen Marx elektrisiert haben. Peuchet:

 

Die jährliche Zahl der Selbstmorde, die gewissermaßen normal und periodisch unter uns ist, muß betrachtet werden als ein Symptom der mangelhaften Organisation unserer Gesellschaft; denn zur Zeit des Stillstandes der Industrie und ihrer Krisen, in Epochen teurer Lebensmittel und in harten Wintern ist dieses Symptom immer augenfälliger und nimmt einen epidemischen Charakter an. Die Prostitution und der Diebstahl wachsen dann in derselben Proportion. Obgleich das Elend die größte Quelle des Selbstmords ist, finden wir ihn wieder in allen Klassen, wie bei Künstlern und Politikern. Die Verschiedenheit der Ursachen, die ihn motivieren, verspottet gleichsam den einförmigen und lieblosen Tadel der Moralisten ... Die Klassifikation der verschiedenen Ursachen des Selbstmordes würde die Klassifikation der Gebrechen selbst unserer Gesellschaft sein.

Selbstmord ist ein gesellschaftliches Symptom, und zwar auch dann, wenn der Selbstmörder keiner ist, der selber hungert. Es ist erfreulich, den Vorwurf an Marxisten, sie dichteten den Mördern vom 11. September, die aus wohlhabenden Familien stammten, gesellschaftliche Beweggründe an, hundertsiebzig Jahre vor ihrer Tat beantwortet zu sehen. Das erste Wort, das den deutschen Politikern und Leitartiklern zum Anschlag auf das World Trade Center einfiel, war: feige. Ein feiger Anschlag sei es gewesen. Peuchet:

Alles, was man gegen den Selbstmord gesagt hat, dreht sich in demselben Zirkel von Ideen herum. Man stellt ihm entgegen die Beschlüsse der Vorsehung, aber die Existenz des Selbstmordes selbst ist ein offener Protest gegen die unleserlichen Beschlüsse ... Man macht aus dem Selbstmord einen Akt der Feigheit ..."

Feigheit beobachtete Peuchet am entgegengesetzten Ort, in der bedeutendsten Institution der bürgerlichen Gesellschaft, der Familie. Am Fall des Selbstmordes einer Tochter, die von ihren Eltern wegen eines unerlaubten Besuchs bei ihrem Verlobten in den Tod getrieben worden war, kam er zu dem Urteil:

 

Die feigsten, widerstandsunfähigsten Menschen werden unerbittlich, sobald sie die absolute elterliche Autorität geltend machen können. Der Mißbrauch derselben ist gleichsam ein roher Ersatz für die viele Unterwürfigkeit und Abhängigkeit, denen sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft mit oder wider Willen unterwerfen.

 

Über den Selbstmord armer Leute sagt Peuchet, es müsse "eine gewisse Art von Seelengröße in dieser Art von Bettlern existieren", daß sie, "entschlossen zum Tode wie sie sind, sich selbst vernichten und nicht den Selbstmord durch den Umgang (gemeint: über den Umweg) des Schaffots machen". Peychets Verwunderung läßt vermuten, daß ihm das Vorgehen islamistischer Selbstmord-Mörder plausibler erschienen wäre. Plausibel, nicht sympathisch, denn "je weiter unsere Handelsepoche vorschreitet, um so seltner diese edlen Selbstmorde des Elends werden, und die bewußte Feindseligkeit tritt an die Stelle".

Bald zwei Jahrhunderte danach scheint die Organisation der Gesellschaft so unabänderbar, daß Kommunisten zu einförmig und lieblos tadelnden Moralisten degenerieren und sich also in eine Art geistigen Selbstmord stürzen. Da ist es schön, von Marxens denkendem Rechercheur Peuchet erinnert zu werden, daß der Mensch ein geselliges Wesen ist, und von Marx, daß alle Religion, das elende Christentum wie der Islam, an den die Selbstmörder des Heiligen Kriegs aberglauben, zugleich Ausdruck des wirklichen Elends und Protest gegen das wirkliche Elend, der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie der Geist geistloser Zustände ist.

Karl Marx: Über den Selbstmord. Neuer ISP Verlag, Frankfurt a. M. 2000, Seiten, Euro

Christoph Reuter: Mein Leben ist eine Waffe, Selbstmordattentäter. C. Bertelsmann, Stadt 2002, Seiten, Euro

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