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Das Fernsehen und die Literatur: ein konkretes Poesiealbum von Kay Sokolowsky

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Es gab einmal eine Zeit, da war das deutsche Fernsehen eine bitterernste Angelegenheit, etwas, das den Zuschauern nur streng dosiert zugemutet wurde. Gegen das Gift des Kriminalfilms verordnete man die Heilerde des klassischen Dramas, wider das Konfekt der Quizshow den Salat des Kulturjournals; und die Sportkommentatoren wirkten, als würden sie sich permanent für das Gesendete schämen - die Fußball-Liveübertragungen waren geradezu Schulen des Schweigens. Für die Vorsicht gab es einen guten Grund: Das Fernsehen hatte von den Alliierten einen Auftrag bekommen, den man auf keinen Fall mißachten wollte, jedenfalls nicht, solange es übel ausgehen konnte, den "Siegermächten" dumm zu kommen. "Die Rundfunksendungen", verordnete 1948 das britische Militärgouvernement dem frisch installierten Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR), "sollen in Sprache und Musik (später, sobald technisch möglich, auch im Bilde) Unterhaltung, Bildung, Belehrung und Nachrichten vermitteln."

Und ebenso gehorsam, wie das Personal vormals die Anweisungen aus Goebbels' Ministerium befolgt hatte, und mit dem Übereifer derer, die das Gewissen nicht halb so sehr plagt wie die Angst, doch noch erwischt zu werden, bestrafte es das Publikum mit einem Entertainment, das braver daherkam als der Tanztee im Kurhotel, und daneben mit so viel Bildung bzw. Belehrung, wie nur in die Röhre paßte. Die allerdings sehr klein war, damals, weshalb kaum jemand merkte, daß er gebildet und belehrt wurde. Das lag nicht bloß an den Bildnern und Belehrern, obwohl sie es draufhatten, einen Tauben in den Schlaf zu reden. Von Anfang an war "Kultur" im Fernsehen etwas, das sich niederließ auf dem breitesten gemeinsamen Nenner, und der lief damals wie heute auf die Null hinaus.

Selbstverständlich war nicht jeder Rundfunkrat oder Programmchef ein alter Nazi, es gab durchaus integre Männer darunter, allen voran Adolf Grimme, der mit dem NWDR den ersten regulären Fernsehkanal in die westdeutsche Landschaft legte. Worauf es im Fernsehen ankomme, postulierte der Generaldirektor des NWDR, sei, "daß das Getränk in dieser Schale ein Heiltrank wird, der die guten Seiten, die doch in jedes Menschen Herz nur auf den Weckruf warten, stärkt". Grimme wußte wohl, daß im "Dritten Reich" so gut wie alle Volksgenossen ihre guten Seiten in den Komaschlaf versetzt hatten. Seine rührende Hoffnung auf das Fernsehen als humanistisches Instrument, durch das "Ferne zur Nähe" werde, erscheint heute weltfremd. Wer die Menschen, zumal die deutschen, bessern wollte, der konnte das ja nur, indem er dem Fernsehen Formate und Themen verordnete, die in diesem per se geschichts-, gesichts- und gedankenlosen Medium nichts zu suchen hatten. Damit wurde das Ziel so weit verfehlt, daß der gemeine Zuschauer gar nicht kapierte, was der hochgestochene Krampf im Programm zu suchen hatte. Der Weckruf ging denen, die ihn hören sollten, einfach nur auf den Wecker.

Zudem erschien "die Kultur" mit einem Gestus auf dem Schirm, der durchaus die Frage erlaubte, was, zum Kuckuck, dieses Zeug außerhalb des Museums verloren hatte. Weil das Fernsehen, wie zuvor das Radio, im Verdacht stand, den hergebrachten Medien den Garaus machen zu wollen, neigten nämlich die Bildungsbürger, die die langen Stunden zwischen Frankenfeld und Kulenkampff zu Staub auf der Uhr verwandelten, dazu, das Althergekommene wie eine bedrohte Art zu behandeln. Doch auf diese Weise erschien dem Publikum "die Kultur" erst recht als Anachronismus, wenn nicht gleich mausetot, und von so viel Nekrophilie wandten sich mit Grausen alle ab, die das Fernsehen als "die Superdroge" (Hermann Peter Piwitt) schätzten, die es essentiell ist. Zum Vollrausch braucht man eben keinen Geschmack, sondern nur Alkohol, und niemand kann den notorischen Weinkenner leiden, der sich seiner Connaissance brüstet, auf den Doppelkornabonnenten herabschaut und beim Süffeln nüchtern tut.

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Das deutsche Fernsehen hat sich seit den Gründertagen sehr verändert und ist heute hemmungslos das, wozu es von jeher bestimmt gewesen: eine Riesenmaschine zur Erzeugung von Bewußtlosigkeit. Weil mitsamt dem Bildungsbürgertum "die Kultur" weitgehend ausgestorben bzw. in abertausend Spezial-"Kulturen" explodiert ist, kann das Medium endlich darauf verzichten, dem Mief Reservate einzurichten. Von den Privatkanälen überlassen lediglich Sat 1 und RTL, durch uralte Verträge geknebelt, Alexander Kluge ein paar Stunden der Sendewoche für sein Gedöns. Das aber weniger mit Kultur zu schaffen hat, sondern mehr mit der Eitelkeit und den Marotten eines passionierten Nervensägers.

Die Öffentlich-Rechtlichen leiden ebenfalls unter Verträgen, mehr aber unter der Tradition. Es sitzen in den Aufsichtsräten, den Parteien, Kirchen und Feuilletons immer noch Figuren herum, die nicht vergessen haben, wie einst die Massenbelustigungen eingezäunt waren von "Kultur". Lauter Spielverderber, die ganz zu Recht fragen, wozu es die Öffentlich-Rechtlichen überhaupt braucht, wenn sie bloß den gleichen Quatsch veranstalten wie die Kommerziellen. Mit Arte, 3Sat und Phoenix haben die Intendanten der alten Anstalten sich aus der Patsche helfen können: Es wurde von den Hauptprogrammen in die "Spartensender" verlagert, was immer geräuschlos sich wegschaffen ließ, um dem Rosamunde-Pilcher-Schmarren, der Fußballübertragung, der Volksmusikparade weitere Sendestunden zu eröffnen. Was übrigblieb, wurde stark gekürzt und in Abschnitte der Nacht verschoben, die ein Witzbold Geistesstunde nennen könnte, täte er diesen Sendungen damit nicht zuviel der Ehre. Das finale Verschwinden der "Kultur" aus der öffentlich-rechtlichen Grundversorgung müßte die logische Folge sein. Sie nicht zu vollziehen, hat, wie alles beim Fernsehen, eine banale Erklärung: Fände keine "Kultur" mehr statt - welches Argument hätten die Intendanten dann noch für den Zwangseinzug von TV-Gebühren?

Sie hat also zu bleiben, "die Kultur". Aber, Rache muß sein, wenigstens die Tradition, in der sie beim Fernsehen steht, gilt es zu travestieren. Einst waren die Hohepriester der "Kultur" eifrig dabei, dem Zuschauer ein schlechtes Gewissen zu bereiten für den Quatsch, den er auf dem Schirm am liebsten schaute. Die Hanswurste hingegen, die heute dem Bildungsauftrag nachkommen, schämen sich öffentlich ihrer Aufgabe. Statt "die guten Seiten, die doch in jedes Menschen Herz nur warten", wecken zu wollen, appellieren sie ans Publikum, bitte, bitte!, weiterzudösen und nicht umzuschalten, denn eine gute Seite hat, bleiben Sie dran!, womöglich auch diese "Kultur". Zum Abschied sagt man dann gern: "Bleiben Sie uns gewogen." Denn es ist schon lange keine Gnade mehr, in Maßgaben der Kunst eingeweiht zu werden. Vielmehr sollte die Kunst heilfroh sein, wenn ihr die Gnade widerfährt, überhaupt wahrgenommen zu werden, im Fernsehen wie im richtigen Leben. Aber wo ist da noch ein Unterschied?

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Wohlwissend, daß "die Kultur" zum TV paßt wie der Nobelpreisträger ins Bierzelt, haben die Programmdirektoren zu Sachwaltern der irgendwie höheren Dinge Lemuren berufen, denen diese Dinge gewiß zu hoch sind, denen jedoch ihre Einfalt die Selbstkritik erspart. Denn der Zuschauer will sich identifizieren mit den Moderatoren; und zu diesem Zweck eignen sich am besten Leute, die vorgaukeln können, sie besäßen eine eigene Meinung, obschon es eine ist, die sowieso jeder hat. Darum führt ein Sloterdijk philosophische Nachtgespräche, quallt ein Herles sich durch "Aspekte", kann eine Miosga problemlos von "Titel Thesen Temperamente" zu den "Tagesthemen" wechseln und 6.000 entlassene Telekommitarbeiter mit dem gleichen ironischen Kuhaugenaufschlag ansagen wie vormals die Moma-Ausstellung.

Die schlimmsten Schmöcke aber läßt das Fernsehen los, wenn es sich an der Literatur vergreift. Hier darf jeder sich spreizen, der weiß, was diese komischen Kringel sind, die aufs weiße Papier gestreut werden. Im Medium des angewandten Analphabetismus geht einer schon als Fachmann durch, wenn er ein Buch nicht mit dem Titel nach unten in die Kamera hält, und als Weltweise erscheint die Frau, die sowohl die Bestsellerliste des "Spiegel" kennt wie, dem Namen nach, drei bis vier Autoren, die vor dem 20. Jahrhundert gedichtet haben.

Die Moderatoren von Literatursendungen sollen und wollen Bücher auf das Niveau des Fernsehens bringen, und ein endloser Strom nichtiger Neuerscheinungen macht ihnen die Arbeit leicht. Da durch die Talkshows bereits all die TV-Zombies gereicht werden, die sich nun endlich auch einen Ghostwriter genommen haben, um einen Ratgeber, eine Lebensbeichte oder sonst was Feuchtes herunterzuschmieren, dürfen die Dompteure des Literaturzirkus sich auf den großen Rest derjenigen konzentrieren, die Bücher verfassen, ohne je auf der Mattscheibe gesichtet worden zu sein. Für den Wagemut, den neuen Bohlen zu ignorieren und statt dessen den neuesten Schrott zu promoten, klopfen die Moderatoren sich unentwegt selbst auf die Schultern: "Orientierungshilfe im Literaturdschungel" verspricht etwa das "Bücherjournal" (NDR), und auf der Website von "Druckfrisch" (ARD) preist Denis Scheck sich als "Literaturkritiker aus Leidenschaft". Die Literatur steckt offenbar nicht nur voller Buchstaben, sondern platzt vor Abenteuern, und jeder, der sich traut, auf dem Bildschirm über sie zu reden, muß ein Mungo Park, ein David Livingstone, ein Ernest Shackleton sein! Oder ein unglaublicher Aufschneider.

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Man kann sich bei Literatursendungen auf das Lichtenbergsche Grundgesetz verlassen: Wenn ein Fernsehgerät und ein Buch zusammenstoßen, ist es nicht immer das Fernsehgerät, das hohl klingt. Redakteure sollen schließlich dafür sorgen, daß ihre Chefs nicht mit Dingen konfrontiert werden, die sie dumm aussehen lassen bzw. dümmer als üblich. Dennoch - vor der Kamera, wie auf hoher See und vor Gericht, steht der Mensch allein, und all die schönen Karteikarten, die Frau Heidenreich sich vorher hat bemalen lassen, sind die Pappe nicht wert, wenn die Moderatorin in "Lesen!" (ZDF) den direkten Blick in die Linse wagt und bekennt: "Ich bin fast verblödet mit Karl May. Aber ich hab' ihn geliebt. Jetzt wird er gerade richtig wiederentdeckt" - vermutlich zu dem Zweck, neue Heidenreichs zu initiieren, die dann lauthals staunen, wenn sie etwas "wiederentdecken", das die übrige Welt leider nie vergessen hat.

"Wunderbar" ist das liebste Wort der Heidenreich, und man kann sich schon wundern, wie eine, die so schlicht, gelegentlich infantil und maximal viertelgebildet über Literatur daherbabbelt ("Das ist eine Ich-Erzählerin, die im Kunsthandel tätig ist"), es schafft, ernst genommen zu werden. "Bitte entdecken Sie diesen Schriftsteller", ruft sie dem Publikum anläßlich einer neuen Balzac-Ausgabe zu: "Er ist wirklich wunderbar!" Ihren Studiogast Claus Peymann kündigt sie an als einen "Mann, den ich sehr bewundere und dessen Arbeit ich seit langem glühend verfolge". Da wird's aber Zeit für einen Eimer kaltes Wasser. Von Arnon Grünbergs neuem Roman behauptet sie: "Das Ganze ist ein Familiendrama, fesselnd und spannend erzählt wie ein richtig großer Krimi." Kriminelle Vergleiche wie dieser zählen zum Profundesten, was sie über Dramaturgie und Erzählkunst mitzuteilen hat.

Von der Sprache, deren höchster Ausdruck die Literatur doch sein soll, redet sie gleich gar nicht. Nur einmal regt Heidenreich sich auf, über das Wörtchen "nichtsdestotrotz" in einer Übersetzung: Das will sie nimmer lesen noch hören, "dieses Wort merzen wir aus". Über das eigene Vokabular hat sie offenbar noch nie nachgedacht; nachdenken macht bekanntlich Aua im Kopf. Den Offenbarungseid leistete Heidenreich, als sie sich und dem Zuschauer einen Reim auf Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell machen wollte. Konfrontiert mit einem Buch, das so gar nicht zu ihrem simplen Begriff von "schöner Literatur" paßt, stammelte sie: "Man ist danach ein anderer." Schön wär's, doch sie flunkert. "Das ist grauenvoll zu lesen, aber so ist es wohl gewesen." Wie? Der Holocaust war grauenvoll? Offenbar hat sie mal wieder was entdeckt. Und dann, endlich, gesteht sie, was Denis Scheck von "Druckfrisch" oder Paul Kersten vom "Bücherjournal" oder Dieter Moor von "Titel Thesen Temperamente" oder Luzia Braun von "Aspekte" oder Jürgen von der Lippe von "Was liest du?" zu gestehen bislang sich nie trauten, obwohl bzw. weil es die reine Wahrheit wäre: "Ich mache ja keine Literaturkritik. Kritik kann ich gar nicht leisten in so 'ner kurzen Sendung." In einer zehnmal so langen auch nicht.

Sie trete, sagt Heidenreich, in ihrer Sendung nicht auf, "um noch mehr Geld zu verdienen, sondern weil ich will, daß die Leute lesen". Ist doch wurscht, was: "Es gibt jede Menge Schmöker, mit denen Sie in den Urlaub fahren können - es sei denn, Sie wollen mit Jonathan Littell in den Urlaub fahren."

Mit Elke Heidenreich kommen die schön-geistigen Bemühungen des Fernsehens dort an, wo sie mit einem Bein schon vor fünfzig Jahren standen, im blanken Kitsch. Aufgewachsen mit dem Fernsehen Adolf Grimmes, bleibt es ihr vorbehalten, die Utopie eines großen Mannes zu exekutieren, d. h. zurechtzustutzen auf den kleinen Begriff, den sie von der Kunst hat: "Hören Sie nicht auf, das Schöne, die Kultur, die Literatur, die Musik ernst zu nehmen und zu lieben, damit die Welt besser wird, als sie ist." Wie - noch besser? Das gibt's doch bloß im Fernsehen.

Der Verfasser dankt Ernst Jandl für die richtigen Worte.

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