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Aus dem Nichts

23.11.2017 16:25

Regie: Fatih Akin; mit Diane Kruger, Denis Moschitto; Deutschland/Frankreich 2017 (Warner); 106 Minuten; seit 23. November im Kino  

Das Subgenre des Selbstjustizthrillers steht nicht unbedingt in Verdacht, linke Ansprüche ans Kino zu erfüllen: Männerphantasien in der Tradition von »Ein Mann sieht rot« spielen stumpf-brutale Racheakte entehrter Väter durch, und auch die weiblich konnotierte Variante der dubiosen Rape-and-Revenge-Filme macht das Zelebrieren kathartischer Gewalt nicht sympathischer. Was aber, wenn sich der Rachefeldzug gegen Nazi-Terroristen wie die des NSU richten würde? Diese Frage stellt Fatih Akin in »Aus dem Nichts«, ein wütender Film über den Umgang mit der Wut im Nachhall des NSU-Komplexes.

Dass Diane Kruger die Hauptrolle in Akins Film übernimmt, dürfte mit ihrem Durchbruch in »Inglourious Basterds« zu tun haben, dem meistdiskutierten Rachefilm der letzten zehn Jahre – bekanntlich wurden auch hier Nazis gejagt. Zumindest die erste  Hälfte von »Aus dem Nichts« ist aber im Gegensatz zu Tarantinos Revenge-Märchen fest in der grausigen Realität verankert: Bei einem Nagelbombenattentat auf das gemeinsame Übersetzungsbüro kommen Mann und Kind der Protagonistin Katja Sekerci ums Leben. Da der Ehemann ein türkischstämmiger Exknacki war, spekuliert die Polizei schnell auf Verwicklungen mit der türkischen Mafia. Nur Katja beharrt von Anfang an darauf: »Das waren Nazis!« Kruger spielt diese emotional anspruchsvolle Anfangsphase hervorragend. Im Delirium aus unendlicher Trauer und Wut erhält ihre Figur dann die Nachricht, dass tatsächlich ein Neonazi-Pärchen festgenommen wurde.

 Der folgende Prozess, den Akin gekonnt im Stil klassischer Gerichtsfilme inszeniert, führt aber zum Freispruch der Angeklagten; unter siegesgewissem Johlen ihrer Mitstreiter verlassen die Nazis den Gerichtssaal. Es folgt der sich bereits vorher ankündigende Twist: Katja lässt sich ein Samurai-Tattoo stechen und begibt sich auf die Spur der Mörder, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Dieses letzte Drittel wirkt, als wäre Akin von den moralischen Implikationen seines Themas einfach überfordert. Es fehlt diesem wichtigen Schlussteil an Konsequenz, gelegentlich rutscht er gar ab ins melodramatisch Symbolische. Einzig die subtile Offenheit der Inszenierung, die eine Deutung der Geschehnisse als imaginierte Rachephantasie ermöglicht, bewahrt den Film davor, seinen gelungenen Ansatz gänzlich zu vergeben.

Tim Lindemann

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