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Die Angst wegschmeißen

Die Bewegung der Logistikarbeiter/innen in Italien

04.09.2015 11:43

Regie: Bruno Schellhagen; Italien/Deutschland 2015 (Labournet); 80 Minuten; auf labournet.tv vollständig abrufbar und auch als DVD erhältlich (Veranstaltungen zum Film sind erwünscht)

Es könnte Amazon sein oder Fedex, ist aber Ikea, an anderer Stelle TNT. Die Waren, die bearbeitet und verteilt werden, könnten Bücher sein, sind wohl aber Billy-Regale und Briefe. Egal. Die Ware, für die sich die neueste Dokumentation des Filmteams von Labournet interessiert, ist Arbeitskraft. Viele der Arbeiter und Arbeiterinnen in der italienischen Logistikbranche, vermittelt durch industrielle Kooperativen, haben eine lange Reise hinter sich, sie sind Migranten, oft aus Nordafrika.

Wo genau der Film spielt, ist daher nicht egal. Die Po-Ebene Norditaliens ist einer der Knotenpunkte, an denen sich Migrationsregime und Warenverteilung in Europa eng ineinander verstricken. Zugleich ergeben sich hier Chancen für den Widerstand. Die Aktivistin Anna Curcio von der Organisation Commonware schreibt: “Eine Blockade der Distributionskanäle zwischen Mailand, Piacenza, Bologna, Verona und Padua legt das gesamte System der Warenzirkulation lahm, mit Auswirkungen über die Landesgrenzen hinaus.” Ikea und Amazon haben dort ihre Warenhäuser, die Unternehmensgruppe Hanggärtner hat sich in Verona eingekauft, um die Im- und Exporte von Obst und Gemüse zu kontrollieren.

Was diese Unternehmen vereint, ist das Geschäft in und mit der globalen Distribution von Waren, kurz: Logistik. Unterschiedliche Rationalisierungswellen haben diese Branche in den vergangenen Jahrzehnten aus der Peripherie ins Zentrum unternehmerischer Aufmerksamkeit geworfen. Da wäre einmal die Erfindung des Standardcontainers. Die erste Schiffsladung, die im April 1956 den Hafen von New Jersey verließ, war der Auftakt für eine in ihrem Ausmaß nicht vorhersehbare Intensivierung der globalen Warenzirkulation. In den achtziger Jahren reiste die dem Toyotismus zugeschriebene Idee der Just-in-time-Produktion, verpackt als neueste Managementmode, um die Welt. Weltweit wurden Warenlager abgeschafft und öffentliche Infrastrukturen – weitgehend gratis - als erweiterter Stauraum genutzt oder als Anreiz für neue Unternehmen extra angelegt. Diese Produktions- und Distributionsprozesse hat der Online-Handel noch weiter gesteigert. Der sogenannte stationäre Handel wurde nicht allein aus den Innenstädten zurückgezogen und an den urbanen Rändern in Form der Shopping Mall neu erfunden. Ihre neuen Nachbarn im Geiste sind Logistikzentren.

Logistik ist heute ein lukratives Geschäfts- wie Beschäftigungsfeld. Obgleich Amazon längst vorgeführt hat, wie voll automatisierte Warenläger aussehen, sind die Arbeitsbedingungen in der Regel mies. Im englischen Swansea oder im deutschen Brieselang hat der Staat günstige Strukturen geschaffen, es wurden Straßen gebaut und Subventionen vergeben. Ein repressives Workfare-Regime besorgt den Rest: billige Arbeitskraft. Die Arbeit innerhalb der italienischen Logistikbranche ist zusätzlich entlang strenger und wenig subtiler rassistischer und sexistischer Hierarchien organisiert: Italiener arbeiten drinnen, Migranten draußen. Italienische Vorgesetzte behandeln die Arbeitenden wie Sklaven, treiben sie mit lauten Rufen an und erzwingen sich Sex als Gegenleistung für Arbeitsrechte. Die alteingesessene italienische Gewerkschaft will mit den Forderungen dieser Arbeitskräfte meist nichts zu tun haben; sie ist zu sehr an der Besitzstandswahrung ihrer Kernmitglieder (männlich, Italiener) interessiert.

Labournet versteht sich als „Treffpunkt der gewerkschaftlichen Linken mit und ohne Job im weitesten Sinne – und hierbei der Ungehorsamen“ und dokumentiert in diesem Film mithin eine Streikwelle, die es entlang etablierter Strukturen so eigentlich nicht geben kann. Die Dokumentation gibt Einblick in Zustände, die in den vergangenen Jahren etwa in Günther Wallraffs TV-Reportagen oder in Berichten im Rahmen des Amazon-Streiks skandalisiert wurden. In diesen stand zumeist individuelles Leiden im Vordergrund, und es werden einzelne Unternehmen angeprangert. Das ist Labournets Sache nicht. Denn wo die teilnehmende Beobachtung bei der Arbeit zwar Empathie auslöst, macht sie zugleich die Belegschaften zu Opfern, die Mitleid erregen. Der Journalist geht wieder, wenn der Dreh getan ist. Die strukturelle Ähnlichkeit diverser prekärer Arbeitsverhältnisse gerät in der konsumierenden Fernsehhaltung aus dem Blick. Auf die Empörung, die sich gegen einzelne Akteure richtet, folgt die Angst, aus dem eigenen womöglich noch halbwegs sicheren Nest zu fallen. Zurück bleibt eine herrschaftsstabilisierende Angst.

Labournet unternimmt dagegen eine teilnehmende Beobachtung eines Streiks. Hier ist Arbeit die des Widerstands, es geht um die Mühen der unterschiedlichen Ebenen. Das Filmteam wird selbst Bestandteil eines Streiks, der seinen Weg aus der Fabrik findet. Er wird sozial in dem Sinn, dass Migrantinnen, Studierende, Intellektuelle, schließlich Teile der städtischen Bevölkerung selbst sich in sozialen Zentren treffen, verhandeln, lachen, streiten. Gezeigt werden Interviewpassagen und Aktionen von und mit den Menschen, die dabei waren und deren unterschiedlichen Subjektpositionen sich im Streik re-formiert haben. Auch hier geht es um Ängste, aber es sind geteilte Ängste, die kollektiv bearbeitet und schließlich „verworfen” werden. Der Titel ist Teil eines Zitats: „Um diesen Krieg zu gewinnen, müssen wir die Angst wegschmeißen.” Nicht der Skandal, sondern die Normalität neoliberalisierter Arbeitsverhältnisse ist zentral.

Der Einfluss von Staat und Kapital schließlich ist unübersehbar. Die Kooperativen, die in mafiösen Strukturen Deals mit den globalen Playern machen, sind staatlich reguliert. Ebenso erledigt die Polizei ihre Kernaufgabe in unschöner Regelmäßigkeit: Sie schützt das private Eigentum, scherzt mit dem Management, verprügelt die Blockierenden. „Dadurch hat der Arbeiter verstanden, was die Polizei ist” - so formuliert es einer der Intellektuellen, die den Streik aktiv unterstützt haben. „Diese Schlagstöcke haben mir Mut gegeben”, sagt ein Arbeiter später.

Der Film schweigt nicht zu den Grenzen der Kämpfe, die zunächst ökonomische bleiben. Die Hoffnung ist, dass sich ein politisches Bewusstsein durchsetzen kann, das sich in den neuen basisgewerkschaftlichen Strukturen und Verbindungen zwischen diversen sozialen Bewegungen verstetigt. Ob der Krieg so zu gewinnen sein wird? Von einem Waffenstillstand ist jedenfalls nicht die Rede.

Kendra Briken

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