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Die Erfindung der Wahrheit

06.07.2017 11:33

Regie: John Madden; mit Jessica Chastain, Mark Strong; USA/Frankreich 2016 (Universum); 132 Minuten; ab 6. Juli im Kino  

Filme über zwei Stunden Länge sind grundsätzlich verdächtig. Natürlich lassen sich hübsche Bilder auch drei Tage lang fröhlich aneinanderreihen, während das Publikum schläft. Doch wer bringt schon so viele dringliche Dialoge und Erkenntnisse zustande, um sein Gegenüber auch nur 30 Minuten lang zu fesseln? Drehbuchautor Jonathan Perera und Regisseur John Madden schaffen es viereinhalbmal so lang. Um ihren Monumentalthriller genießen zu können, muss man auch kein Fan von Maddens jüngeren Erfolgen, den liebenswerten, aber etwas unreflektierten Seniorenkomödien »Best Exotic Marigold Hotel«, Teil eins und zwei, sein.

»Die Erfindung der Wahrheit« setzt sich mit einem klassischen Politproblem auseinander: der ökonomischen Einflussnahme. Allein das Thema öffnet Tür und Tor für Stereotype. Die Hauptfigur Elizabeth Sloane ist laut Pressetext eine »skrupellose Lobbyistin«, berühmt für ihre »Rücksichtslosigkeit«. Natürlich sind es die Waffenfirmen, die sich ihrer Fähigkeiten bemächtigen wollen. Dummerweise aber lehnt Sloane ab und wechselt zur Gegenseite – nicht aus Überzeugung, sondern allein, um sich zu beweisen.

Auch wenn einiges davon nach Klischee klingt, gelingt es dem Film über 132 Minuten hinweg, seine Komplexität zu bewahren. Das liegt nicht nur an den höchste Aufmerksamkeit fordernden Dialogen, die unablässig  aus allen Ecken schießen, sondern auch an der Hauptdarstellerin Jessica Chastain. Immer wieder rückt ihr Gesicht ins Zentrum, groß, weiß, ernst, der Scheitel ordentlich wie bei einem NS-Schergen, die Lippen mit Businessfrauenrot mühsam in Schach gehalten. Sie entlockt ihrer Figur genau die richtige Balance zwischen Härte, Zynismus, Kälte, Menschenverachtung, Arroganz und einer tief schlummernden Verletzlichkeit. Auch wenn diese »Miss Sloane« keine utopische Heldenfigur ist, sondern fast alles, was sie tut, der antihumanen Kraft von Eigentum und Kapitalakkumulation zu noch mehr Macht verhilft, besitzt sie aufklärerisches Potential. Wie in einem Bildungsroman nämlich durchläuft sie einen Prozess der Läuterung – und dieser endet eben nicht bei der Anerkennung bürgerlicher Tugenden, sondern in der Gewissheit, dass diese dein Leben zerstören können.       
      
Katrin Hildebrand


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