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Downsizing

Film des Monats

19.01.2018 13:02

Regie: Alexander Payne; mit Matt Damon, Kristen Wiig; USA 2017 (Paramount); 135 Minuten; ab 18. Januar im Kino 

»Liebling, ich kann den Kapitalismus nicht schrumpfen!«, stand kürzlich als Überschrift über einem Beitrag zum Thema Degrowth und kapitalistische Wachstumsrücknahme. Eine schönes Motto auch für Alexander Paynes neuen Film »Downsizing«, der als ungewöhnlich deutliches politisches Statement des US-Regisseurs den Irrglauben, man könne kapitalistische Grundprinzipien begrenzen, bändigen oder eben schrumpfen, satirisch vorführt. Paynes Film erweitert nicht ohne Zynismus die eingangs erwähnte Filmtitelanspielung noch: Du kannst den Kapitalismus nicht schrumpfen – eher schrumpft er dich.

Der Ausgangspunkt des Films entbehrt zweifellos nicht einer gewissen Albernheit: Zwei idealistische norwegische Forscher haben eine Technik entwickelt, mit der man Lebewesen auf einen Bruchteil ihrer Körpergröße schrumpfen kann. Der angebliche Vorteil für die Menschheit: Wenn sich alle auf ein paar Zentimeter verkleinern ließen, würden sich Probleme wie Umweltverschmutzung, Nahrungsknappheit und Ressourcenmangel plötzlich von selbst erledigen. Zeitsprung um einige Jahre: Der Schrumpfprozess, das Downsizing, hat sich als Trend für die westliche obere Mittelschicht etabliert. Dabei geht es aber kaum noch um die hehren Motive der norwegischen Innovatoren, sondern vor allem ums Geld: Zwar ist die Prozedur teuer, danach aber sind Geld und Wertsachen ihr Vielfaches wert, man kann in ein Miniaturutopia seiner Wahl ziehen und in kitschigen Nobelunterkünften in Puppenhausgröße das Leben genießen.

Das Tollste an »Downsizing« ist, wie konsequent der Regisseur seine abenteuerliche Idee weiterspinnt, ihre alltäglichen Auswirkungen, Vorteile und Abgründe erkundet. Zur Erkundung der Filmwelt wählt Payne ein Vorstadtpaar aus dem Mittleren Westen: Paul (Matt Damon) und Audrey Safranik (Kristen Wiig), zwei bodenständige, nicht allzu helle Durchschnittsamerikaner. Mit dem über lange Jahre zusammengekratzten Geld wollten sie sich eigentlich ein Eigenheim zulegen, begegnen dann aber einem mittlerweile geschrumpften befreundeten Paar auf einer Party und lassen sich vom Downsizing überzeugen. Wenige Tage später wartet Paul voller Vorfreude und frisch geschrumpft im Aufwachraum seines neuen Heims – vergeblich, denn Audrey hat sich in letzter Sekunde gegen die irreversible Prozedur entschieden. Gedemütigt, einsam und nur wenige Zentimeter groß zieht Paul allein in sein Spielzeughaus ein.

Neben der bestechenden Ernsthaftigkeit, mit der Payne seine absurde Grundidee behandelt, ist es vor allem ihre kühne visuelle Umsetzung, die begeistert. Genau 60 Jahre nach Jack Arnolds B-Movie-Klassiker »The Incredible Shrinking Man« hat sich tricktechnisch einiges getan in Hollywood, und Payne nutzt diese Möglichkeiten voll aus. Im Kontrast zu seinem minimalistischen, schwarzweißen Vorgängerfilm »Nebraska« entwirft der Regisseur eine bonbonbunte Traumwelt und hat sichtlichen Spaß besonders an den Szenen, in denen die kleine und die normale Welt miteinander interagieren – etwa wenn Paul eine tischgroße Rosenblüte erwirbt oder eine Wodkaflasche wie ein gigantischer Monolith vor den Protagonisten aufragt.

Seinen Knackpunkt erreicht der Film aber, als die spießige Suburbia-Fassade des Zwergenlandes zu bröckeln beginnt. Nachdem er sich mit einer vietnamesischen Dissidentin (Hong Chau) angefreundet hat, die gegen ihren Willen verkleinert wurde und nun ein tristes Dasein als Putzkraft für die winzigen Neureichen fristet, folgt ihr Paul wortwörtlich hinter die Kulissen. Dort erwarten ihn die schmutzigen Massenunterkünfte der versklavten Servicearbeiter, die in zwei heruntergekommenen Wohnwagen untergebracht sind. Downsizing ist also kein wundersames Instrument zur Rettung des Planeten, sondern nur ein weiteres, effektiveres Mittel der Ausbeutung, das es dem Kapital erlaubt, Hunderte von Arbeitern in zwei Wohnwagen zu quetschen.

Zum Glück schwingt sich »Downsizing« danach nicht zum selbstgerechten Weltverbesserungsfilm auf, sondern bleibt seiner ironischen Distanz treu. Paul avanciert nicht zum strahlenden Retter der Entrechteten, beginnt aber zumindest, seine privilegierte Position in einer ungerechten Welt zu erkennen. Für weitere Erheiterung sorgt Christoph Waltz, der sich in seiner Rolle als überkandidelter Luxusschmuggler sehr wohl zu fühlen scheint; als Sidekick steht ihm niemand Geringerer als Udo Kier zur Seite.

Davon abgesehen setzt Payne wie in vielen seiner Filme auf eine mäandernde, lockere Erzählstruktur, die sich Zeit lässt, von einem Punkt zum nächsten zu kommen; im Vordergrund steht das Interesse daran, die Charaktere auf einer Wanderung zu beobachten, an deren Ende nicht zwangsläufig Erlösung oder Selbsterkenntnis wartet. Man mag der Auffassung sein, dass Payne es mit der über zweistündigen Laufzeit übertrieben hat; andererseits ermöglicht »Downsizing« so eine visuell hochgradig beeindruckende Reise durch eine wundersame Welt, die mit faszinierenden Figuren bevölkert ist. Das Finale spielt sich etwa in der kommunenartigen ersten Minisiedlung in Norwegen ab, die Weggefährten und Nachkommen des Downsizing-Erfinders bevölkern. Dort richtet sich der ätzende, aber nicht bösartige Humor des Films dann gegen die hippieesken Anwandlungen der Fortschrittsesoteriker.

»Downsizing« ist ein durchaus herzlicher, jedoch kein besonders optimistischer Film. Payne führt seine Figuren nicht wegen ihres Glaubens an eine bessere Zukunft vor, er teilt ihn aber auch entschieden nicht. Sein phantasievolles Gedankenspiel ist eine Absage an liberale Hoffnungen, kapitalistische Ausbeutung und Umweltzerstörung durch eine Veränderung der Maßstäbe aufzuhalten.

Am Ende von »Downsizing« steht der Weltuntergang relativ deutlich in Aussicht. Die Alternative, die Payne anzubieten versucht, wirkt etwas hilflos, ziemlich amerikanisch und, keine Frage, ein bisschen kitschig: Der Rückzug in die winzige, linke Blase ist eine Kapitulation; sich um Schwächere zu kümmern und nicht in Dumpfheit zu erstarren, bleibt die einzige Option.

Tim Lindemann

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