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120 BPM

30.11.2017 10:39

Regie: Robin Campillo; mit Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois; Frankreich 2017 (Salzgeber); 144 Minuten; ab 30. November im Kino

Die Bilder des Requiems »Philadelphia« (1993) mit Tom Hanks als HIV-positivem Homosexuellen haben sich über die Erinnerung gelegt. Ein erfolgreicher Yuppie läuft anfangs Zuversicht ausstrahlend durch die Straßen der Stadt der Bruderliebe. Gegen Ende erlebt man einen dem Tod geweihten, siechenden Aids-Kranken. Von der Schallplatte erklingt Maria Callas beim Singen der Arie »La mamma morta«. So waren Homosexualität und HIV darstellbar Anfang der Neunziger in Hollywood.
»Philadelphia« gilt als das Filmepos, das sich erstmals kritisch mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Aids-Kranken und der damaligen Stigmatisierung von Homosexuellen auseinandergesetzt hat. Mitleid erregte das Drama von Jonathan Demme, zu dem Bruce Springsteen und Neil Young den Oscar-nominierten Sound lieferten, zweifellos. Das HIV-Tabu im US-Film war gebrochen, und der weitverbreiteten repressiven Stimmung hatte man getrotzt.
Ähnlich klischeeüberfrachtet, ähnlich effektheischend, ähnlich ärgerlich, jedoch etwas besser inszeniert und gespielt ist Gus Van Sants Drama »Milk« (2008) über den gleichnamigen US-Bürgerrechtler. Darin mausert sich Sean Penn als offen homosexueller Politiker zum Vorkämpfer der LGBT-Bewegung. Beide Filme sind weit vom richtigen Ton, den richtigen Bildern entfernt. Aber kann es die überhaupt geben? Wie zeigt man Schwule und HIV-Infizierte sensibel, und ohne in die Klischeekiste zu greifen? Nach dem Erscheinen von Didier Eribons und Édouard Louis’ Romanen, die den Schwulenhass in der französischen Provinz eindrucksvoll beschreiben, verwundert es wenig, dass der Impuls für eine ernstzunehmende filmische Auseinandersetzung aus Frankreich kommt.
Auf den ersten Blick wirkt der Rahmen von »120 battements par minute« etwas einfallslos und schematisch: auf der einen Seite eine Gruppe leidenschaftlicher Aktivisten, die mit spektakulären Happenings die Öffentlichkeit aufrütteln wollen, auf der anderen Seite ein böser Pharmakonzern, der bewusst einen Wirkstoff unter Verschluss hält, der den Verlauf der Krankheit verzögern könnte. Und doch ist Robin Campillos Drama, das bei den Filmfestspielen in Cannes als Favorit des diesjährigen Jurydirektors Pedro Almodóvar galt, jedoch keine der begehrten Palmen, sondern nur den Grand Prix abräumte, ein durch und durch gelungener, furioser Spielfilm, der das Leben und den Aktivismus der Betroffenen ohne Larmoyanz und falsches Pathos feiert.
Die Einstellungen sind überlegt. Mal flirren die Bilder wie im Rausch an einem vorbei, mal wirken die Aufnahmen wie in Zeitlupe. Von Beginn an folgt die Kamera den symbolträchtigen Aktionen der militanten Pariser Gruppe des realen Interessenverbands Act Up,   der Ende der Achtziger in New York entstanden ist. Anfangs hört man nur Gemurmel und Geraune, dann folgt man den Aktivisten dabei, wie sie eine Veranstaltung des Pharmakonzerns stören und mit  Flashmobs und mit roter Farbe gefüllten Luftballons das Event sprengen. Das Kunstblut zerläuft auf dem Maßanzug des Oberpharmavertreters. Später diskutieren die Mitglieder der Vereinigung in einem Pariser Unihörsaal erhitzt über die aus dem Ruder gelaufene, aber medienwirksame Aktion. Die Gruppe – in der sich nicht nur Homosexuelle, sondern etwa auch die Mutter eines Kindes befindet, das über eine Blutinfusion infiziert wurde – ist uneins über die adäquaten Formen des Protests. Tendenziell sind die Ausdrucksformen der Gruppe aggressiv, selten wirklich kreativ. Man streitet über geeignete Plakate und Flyer. Ein Poster zeigt zwei Männer beim Safer Sex: ein Penis in einem Arsch mit der Aufschrift »C’est la vie«.
Man sieht Act Up noch weitere Male zornig in Schulklassen stürmen, Flyer und Kondome verteilen. Bedeutungsschwere Aktionen, in denen sie mit Kreuzen am Boden liegen, gehören genauso zu   ihrem Repertoire wie Schweigemärsche im Gedenken an ihre verstorbenen Kameraden oder das Hineinplatzen in die Zentrale des Pharmakonzerns.
Dass die Proteste nie gekünstelt wirken, mag auch daran liegen, dass Campillo das Drehbuch gemeinsam mit Philippe Mangeot geschrieben hat, der von 1997 bis 1999 Präsident von Act Up war. Die Gruppe hat feste Regeln. »Sobald ihr Mitglied bei Act Up seid, müsst ihr euch damit einverstanden erklären, in den Medien und vor der Öffentlichkeit als HIV-positiv zu erscheinen«, erklärt ein Aktivist anfangs. Zum Einverständnis wird mit den Händen geschnippt; zum Antidiskriminierungsverständnis der Gruppe gehört auch, dass immer ein Gebärdendolmetscher die Diskussionen für Gehörlose übersetzt. Act Up begreift sich als reine Aktivistengruppe und bietet keine Selbsthilfe beziehungsweise Patientenunterstützung. Über die Wirksamkeit von Pillen und die »richtigen« Medikamente tauscht man sich nur am Rande aus. Ab und zu kippen Mitglieder schon mal aus den Latschen. Bei einigen wird die Krankheit ausbrechen und rasant zum Tod führen.
Adèle Haenel (die Hauptfigur in »La fille unconnue«, dem letzten Film der Dardenne-Brüder) überzeugt als militante Kämpferin, der die Rolle auf den Leib geschrieben scheint. Und natürlich kommt der Film nicht ohne eine intime Liebesgeschichte aus. »Was machst du eigentlich so im Leben?«, fragt Nathan Sean verträumt in einer der Versammlungen. Dessen lakonische Antwort: »Ich bin im Leben HIV-positiv.« Danach kann man die Beziehung der beiden in einfühlsamen Einstellungen verfolgen.
Sex, Intimität und Solidarität bis in den Tod zeigt Campillo in meist ausdrucksstarken Bildern – wenngleich nicht gänzlich kitschfrei. Die blutrote Seine, Wellen am Meer und Sonnenuntergänge laden das Drama an manchen Stellen unnötig auf.
»120 BPM« wühlt auf und ermüdet trotz Überlänge nicht. Zu den schrillen Tönen und Beats von Jimmy Somervilles »Smalltown Boy«, »ein emotionaler Schrei«, wie der Glasgower Sänger einst selbst über sein Lied sagte, sieht man die jugendlichen Aktivisten tanzen, ungezügelten Safer Sex haben, demonstrieren und dem Virus trotzen, einem filmischen Aufschrei gleich: Raus aus dem stigmatisierten Schattendasein, rein ins Leben!                         

Anina Valle Thiele

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