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Silence

07.03.2017 10:50

Regie: Martin Scorsese; mit Andrew Garfield, Liam Neeson; USA 2016 (Paramount); 161 Minuten; ab 2. März im Kino

 

Von Zeit zu Zeit erinnert Martin Scorsese das Publikum und vielleicht auch sich selber daran, dass er ein gefallener Priester ist, einer, der nicht an Gott zweifelt, sondern an der eigenen Tauglichkeit, dem HErrn zu genügen. In seinen besten Filmen sind Scorseses urchristliche Selbstzerfleischungen hinter mindestens drei weiteren Deutungsebenen verborgen. In den – auf allerdings große Art – gescheiterten Stücken, die zugleich seine intimsten sind, konzentriert er sich auf das Theologische und verliert dabei die einzigartige, mit drei, vier, fünf Falltüren aus Film-, Kunst-, Musik- und Reklamezitaten versehene Ironie, die ihn als den einfallsreichsten Regisseur nicht nur unserer Zeit ausweist, als den Weltmeister des Eklektizismus.

Wo der mittlerweile 74jährige seine weiterhin immense Schaffenskraft zu deutlich auf Autobiografisches verwendet, entsteht der seltsam peinliche Eindruck, einem sehr bedeutenden Menschen bei der Entblößung seiner Schwächen zuzusehen. Der loyale Bewunderer möchte den nackten Meister am liebsten verbergen – wie die Söhne Noahs den betrunkenen Vater – und kommt doch nicht umhin, diese Schonungslosigkeit eines Künstlers gegen sich selbst, diese öffentlichen Beichten als nötige Ergänzung im Gesamtwerkbauplan anzusehen. Sie sind ein bisschen wie Gargoyles an Kathedralen – grotesk, aber nützlich.

Das war so bei »Die letzte Versuchung Christi« (1988) und »Kundun« (1997), und es wiederholt sich in »Silence«, Scorseses neuem Spielfilm. Abermals ringt die Hauptfigur vor allem mit der Frage, wie der Mensch in einer Welt voller Sünde und Bosheit gottgefällig leben kann, und abermals fällt die Antwort zugunsten der armen Sünder aus. In »Silence« lässt sich aus der Nähe beobachten, welche Spuren eine stramm katholische Erziehung hinterlässt, zumal bei einem Wunderkind der Imagination wie Scorsese. Der das Konzept der Fleischessünde als Vierjähriger aus King Vidors »Duell in der Sonne« schockhaft lernte und als Teenager seine Vorbilder in den erzkatholischen Neurosenbündeln Alfred Hitchcock und Luchino Visconti fand. Scorsese lässt sich, wenn Gott ihn ruft, als Erzähler etwas gehen, in den Bildern jedoch nie. Die sind komponiert wie Geometrieaufgaben, viel weniger flüchtig und fiebrig als in den Geniestreichen. Sie stehen zur Besichtigung da wie im Museum, Muster der Behandlung von Schatten und Kontur, Fläche und Textur. Leider wirkt das mehr sublim als subtil. Die Atmosphäre der explizit religiösen Spielfilme Scorseses ist nicht weit weg von der in Horrorfilmen.

Das übersinnliche Moment wird auch in »Silence« als Drohung inszeniert, und Gott (wie der Vampir oder der Werwolf) verliert seinen namenlosen Schrecken erst, wenn er sich offenbart. Die entscheidende Szene des Films führt vor, wie der Jesuitenmissionar Rodrigues – nicht gut gespielt, aber hübsch verkörpert von Andrew Garfield, gleichsam eine Idealfassung des jungen Scorsese – sein Spiegelbild in einem Bergbach betrachtet und dieses Imago plötzlich durch eine Ikone Christi überdeckt wird. Rodrigues sieht sich selbst mit den Augen des Erlösers und erkennt, dass er ein Mensch bleiben muss, wenn er wie Gott sein will.

Rodrigues und sein vor Glaubenseifer nicht minder glühender Mönchsbruder Garupe (sehr überzeugend: Adam Driver) brechen 1637 gegen den Rat ihres Ordensherren von China gen Japan auf, um ihren Mentor zu retten, Pater Ferreira (monumental wie ein Jedimeister: Liam Neeson). In seinem letzten Brief aus der Diaspora hat Ferreira geschildert, welchen Bedrängungen die Christen im isolierten Reich des Shoguns ausgesetzt sind, welche Greuel es anrichtet, das Evangelium zu lehren, und wie wenig, im Grunde nichts es für die Gläubigen ausrichtet. In vielen Szenen erinnert »Silence« an Roland Joffés Spielfilm »Mission« von 1986, und das nicht nur, weil Liam Neeson schon damals einen zweifelnden Prediger am Ende der Welt spielte.

Die jungen Missionare müssen sich, um die geschlossenen Grenzen Japans zu überwinden, mit einem Feigling und Verräter zusammentun, einem Mann, der – wie Satan – frevelt, weil er den Trotz und die Gewissensnöte mehr genießt als Trost und inneren Frieden. In den elenden Enklaven der Christenheit begegnen die Missionare andererseits Menschen, die mit der Frohen Botschaft viel vertrauter sind als sie, die Profis. Diese Verdammten der Erde brauchen für ihren Glauben keine Gründe und keine Metaphysik, denn er ist der tiefe, nicht der höhere Sinn ihrer Existenz. Die erbärmlichen Reisbauern haben kein Leben, es wäre denn in Gott, und darum können sie das Sterben in seinen schrecklichsten Gestalten ertragen. Es gibt Szenen in »Silence«, die dem Leiden für ein Hirngespinst echte Würde verleihen. Man sollte sich daher nicht wundern, dass Scorsese mit dem Jesuiten und Armeleutefreund, der zur Zeit auf dem Papstthron sitzt, über sein neues Werk in Privataudienz plaudern durfte. Für den Regisseur könnte das ein größeres Glück gewesen sein als der Oscar, auf den die Ignoranten der Academy ihn 30 Jahre lang warten ließen.

»Silence« ist nach einem Roman von Shūsaku Endō entstanden, der erstmals 1971 von Masahiro Shinoda verfilmt wurde. Es dürfte interessant sein, das ältere Stück mit Scorseses Version zu vergleichen, aber dazu müsste der Rezensent »Chinmoku« erst einmal in die Hände kriegen, was in Deutschland nicht so einfach ist. Unverkennbar jedenfalls sind die Referenzen, die Scorsese dem klassischen japanischen Regiekino erweist; zumal die Landschaftspanoramen atmen die Ästhetik Akira Kurosawas. Überhaupt spielt die Unermesslichkeit der Welt, ihre abweisende Schönheit und die Verlorenheit des winzigen Menschentiers vor solchen Hintergründen eine größere Rolle als in jedem anderen Scorsese-Film. Es gibt fast keine untermalende Musik in »Silence«, Geräusche erzeugt vor allem die Natur, mit Insektenzirpen, Brandungstosen, Windjammern, Blätterlispeln.

Rodrigues muss sich im letzten Akt des Films entscheiden, was ihm schwerer wiegt: der Glaube oder die Gemeinde, das Prinzip oder die Menschen. Das ist eine nicht bloß religiöse Frage; sie stellt sich auch jedem Künstler, der mit finsteren Mächten (zum Beispiel den Hollywood-Studios) kooperieren muss, wenn er seine Kunst weiterhin pflegen will. Die Antwort fällt ganz und gar nicht vergnüglich aus, denn zweierlei nimmt Martin Scorsese noch ernster als den da oben: das Kreuz und das Kino.

Kay Sokolowsky

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