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Über Leben in Demmin

22.03.2018 16:24


Regie: Martin Farkas; Deutschland 2017 (Salzgeber); 90 Minuten; ab 22. März im Kino

Am 8. Mai kann man sich in Demmin nicht so richtig über die Befreiung vom Faschismus freuen. Rechtsradikale mobilisieren jährlich zu einem »Trauermarsch«, angeblich, um an die Schrecken zu erinnern, die die Deutschen unter der Roten Armee erfahren hätten. »Wir verraten euch nicht« ist auf der Schleife eines Kranzes zu lesen; später werfen die Nazis ihn in den Fluss, er landet mit einem lauten Platsch verkehrtherum im Wasser. Die Peene ist einer der Orte, an dem Anfang Mai 1945 viele Demminer*innen sich und ihre Kinder aus Angst vor »dem Russen« umbrachten. Die Trauergemeinde steht bedröppelt am Ufer, eine Teilnehmerin muss dann doch etwas in die Kamera lachen – Naheinstellung statt Teleobjektiv.

Die Geschichten, die Zeitzeug*innen in Martin Farkas’ Dokumentarfilm erzählen, zeigen, dass man in dem mecklenburg-vorpommerischen Kaff diese Episode begraben hat, statt traumatische Erfahrungen aufzuarbeiten. Begraben haben einige auch die Gründe dafür, dass die Rote Armee überhaupt in Demmin einmarschieren musste. Eine Anwohnerin will die linken Gegendemonstrant*innen anzeigen, da diese sie wegen ihrer Indifferenz kritisiert haben. Besonders solche Momente der Fassungslosigkeit, in denen man irgendwo zwischen Lachen und Wut festhängt, zeichnen den Film aus.

So auch, wenn ein junges Paar mit Eisernem-Kreuz-Faible sein Kind in die Luft wirft und sich darüber empört, dass heute alle als Nazis abgestempelt würden – ob jetzt wegen einer Thor-Steinar-Bauchtasche oder wegen der eigenen Meinung. Die Forderung nach Eindämmung des linken Gegenprotestes durch die Polizei transformiert sich in den Köpfen des Paares binnen Sekunden in eine kleine Träumerei: Wie wäre es, dem »linken Pack« mit Maschinengewehren zu begegnen?

Der Film funktioniert, indem er das, was 1945 passiert ist, den Zwecken, für die es vereinnahmt wird, gegenüberstellt. Die Vorbereitung des völkischen Trauermarsches vermischt sich mit den Erinnerungen und Lebensrealitäten der Einwohner*innen. Ein paar verlorene Punks hängen beim Fest der Demokratie ab, Totengräber erörtern in der Frühstückspause die präferierte Bestattungsform, und generell reden alle gern über die Russen. Waren es jetzt die befreiten Zwangsarbeiter*innen, die die Stadt anzündeten, oder die Rote Armee?

Luka Lara Charlotte Steffen

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