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Voll verschleiert

04.01.2018 15:52

Regie: Sou Abadi; mit Félix Moati, Camélia Jordana; Frankreich 2017 (NFP); 87 Minuten; seit 28. Dezember im Kino 

Es ist kompliziert. Ein Flüchtling floh vor den Taliban, soll nun aber in Frankreich vorgeben, er sei schwul und deshalb abgehauen. Ein Mann muss sich als Frau verkleiden, um seine Freundin zu sehen. Und eine Feministin arrangiert für ihren Sohn eine Ehe.

Klingt nach Irrsinn? Willkommen in der Gesellschaft. Vom Spätkapitalismus in unternehmerische Monaden verwandelt, von religiösem Wahn geblendet und durch Familienstrukturen an die Leine gelegt, taumeln die Individuen sklavengleich durch ihr Dasein und merken es nicht einmal. Wobei: ein bisschen doch.

Die iranisch-französische Regisseurin Sou Abadi hat in ihrer ersten Komödie viele Dinge verarbeitet, die sie selbst erlebt hat. Daran mag es auch liegen, dass die Posse, die bisweilen so albern daherkommt wie »Charleys Tante«, eine ungeheure Tiefe entfaltet, selbst oder gerade in ihren absurdesten Momenten.

Der größte Gag resultiert aus dem klassischen Crossdressing. Wie Joe und Jerry in »Manche mögen’s heiß« weiß sich der Student Armand nicht anders zu helfen, als das Geschlecht zu wechseln und als kieksende, überzeichnete Dame aufzutreten. Doch gibt er nicht die sexy Biene, sondern eher die keusche Fromme, eine Mischung aus »Tootsie« und »Nonnen auf der Flucht«. Der Bruder seiner Freundin ist vom liberalen zum ultrakonservativen Muslim mutiert und verbietet ihr jeden Kontakt zum männlichen Geschlecht. Fortan mimt Armand die tiefreligiöse Scheherazade.

Das klingt zunächst ebenso lustig wie banal und letztlich affirmativ. Wo – in Gottes Namen – bleibt die Rebellion gegen das religiös verbrämte Patriarchat? Anpassung statt Aufmüpfigkeit? Verhüllung statt Konfrontation? Ganz so einfach ist es nicht. Denn trotz der liebenswert albernen Grundkonstellation gibt es Momente in »Voll verschleiert«, die eben nicht das Lachen ins Gesicht zaubern, sondern die Gewalt, die Menschen gegenüber Menschen ausüben, deutlicher spürbar machen als jedes Problemdrama. Frei nach dem Motto »Jede Komödie ist immer nur ein Ausschnitt einer größeren Tragödie« trägt die Fratze menschlichen Beisammenseins, die sich hier gerade durch den Gegensatz zum heiteren Treiben offenbart, besonders harte Züge.

Katrin Hildebrand

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