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VON DER BERAUBUNG DER ZEIT

11.07.2014 10:55

Regie: Daniel Poštrak und Jörn Neumann; mit Helmut Poscher, Kenny Berger und Samuel Conley; Deutschland 2013 (RealFiction); 79 Minuten; seit 3. Juli im Kino

Daniel Poštrak und Jörn Neumann schildern in „Von der Beraubung der Zeit“ die Parallelwelt Gefängnis aus einer naheliegenden und trotzdem vernachlässigten Perspektive: der der Gefangenen. Die Auswahl der Inhaftierten, allesamt zu lebenslänglichen Haftstrafen wegen Mordes Verurteilte, die seit 12, 30 und 37 Jahren inhaftiert sind, birgt die Gefahr, die Durchschnittlichkeit von Knast etwas verblassen zu lassen. Dort finden sich zu großen Teilen Menschen, die die falschen Drogen konsumiert haben oder Konflikte mit den Eigentumsverhältnissen hatten. Zu Wort kommen in „Von der Beraubung der Zeit“ also Menschen, die nur einen kleinen Anteil unter den Gefangenen deutscher Justizvollzugsanstalten bilden. Die Auswahl habe auf der Entscheidung basiert, daß sich die Lebenswelt der Beteiligten vor allem im Gefängnis abspielen sollte, so Regisseur Daniel Poštrak. Dies sei in der Regel bei Inhaftierten mit kürzeren Strafen und Entlassungsperspektive nicht der Fall. Ohne Zweifel haben sie als Langzeitgefangene Erfahrungen, die Grundlage für die im Film behandelten Themen und Geschichten sind. Sie sind damit Experten ihrer Situation, weshalb der Film auch ohne weitere Perspektiven auskommt.

Erzählt wird von Träumen, von Gleichförmigkeit und Individualität, vom Verhältnis zu körperlicher Nähe, von Hoffnung und immer wieder über den Faktor Zeit. Zeit bestimmt in vielerlei Hinsicht das Leben der Inhaftierten. Der Versuch der Bewältigung einer derart langen Haftstrafe beinhaltet sehr unterschiedliche Umgangsweisen mit der Zeit. Ob beispielsweise die abgesessene Zeit oder die noch bevorstehende Zeit im Fokus steht, oder auch die noch übrig gebliebene Lebenszeit nach der erhofften Entlassung, läßt diese Unterschiede deutlich werden. Auch die Gedanken über den Sinn der Strafe werden mit dem Faktor Zeit gekoppelt: „Und wenn man 15 Jahre drin ist, wird man Mahatma Gandhi.“ Staunend läßt einen der Film nicht nur zurück, weil er verdeutlich, was derart lange Haftstrafen individuell bedeuten, sondern auch, weil alle drei Protagonisten die Hoffnung nicht aufgegeben haben und sich – wenn auch nicht frei von Sorgen – ein Leben nach der Haft erhoffen. Gleichwohl schwingt stets die Gewöhnung an die Haft, die Prisonierung, in den Aussagen mit. Die bei den Antworten immer auch herauszuhörenden Fragen verpassen es leider, neben der Kindheit auch auf den sozialen Hintergrund der Inhaftierten einzugehen. Derlei hätte vielleicht dazu beigetragen, die Gespräche über den Umgang mit Schuld aus einer individualisierten und selbstreferentiellen Betrachtung heraustreten zu lassen.

Daß der Film langatmig ist, hängt unmittelbar mit seinem Inhalt zusammen. Die Eintönigkeit ist eine der zentralen Erkenntnisse und so ist es auch nur konsequent, daß der Film den Eindruck erweckt, weit länger als die tatsächlichen 79 Minuten zu sein. Zu Wort kommt neben den drei Inhaftierten lediglich ein Sprecher, der Texte der Gefangenen verliest, die im Rahmen des Ingeborg Drewitz Literaturpreises für Gefangene entstanden sind. Parallel zu den Interviewsequenzen ist der Bau der in diesem Jahr eingeweihten JVA Heidering in Großbeeren bei Berlin zu verfolgen. Ihre Entstehung wurde vom Grundriß bis zur Fertigstellung mit der Kamera begleitet. Die vierjährige Bauzeit ist dort schon jetzt vielfach abgesessen worden. Die stillen Aufnahmen von Knastmauern und Gittern sorgen für eine sich durch den Film ziehende Ruhe. Die „Ästhetik der Gitter“, die durch diese Aufnahmen entsteht, ist ebenso schwierig wie vermutlich schwer vermeidbar bei einer dreijährigen Drehphase rund um das Gefängnis.

Dieser gelungene Film bringt eine vernachlässigte Perspektive in den Mittelpunkt. Allein deshalb sollte er unbedingt geschaut und diskutiert werden.

- Johannes Spohr -

 

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