Normalität, eine trostlose Hoffnung

Reflexionen zur Pandemie und dem größten Glücksversprechen unserer Zeit, dass, wenn wir alle geduldig, fleißig und opferbereit sind, Deutschland gestärkt aus dem Ungemach hervorgeht.

Veranstaltung mit Thomas Ebermann; Freitag, 18.09.2020, 19 Uhr, Bootshaus der Naturfreunde München, Zentralländstraße 16, 81379 München:

 

Warnung: Der Referent sieht sich unzuständig für alles Erbauliche, Mutmachende, dem Positive Thinking verpflichtete. Er sieht keine großen Chancen für die Linke (wenn ihre Konzepte nur ausgereift, detailliert und durchgerechnet sind) oder gar deren mögliche Hegemonie. Er will nur – so gut er kann – sagen, was ist. Und er gesteht ein, dass eine Pandemie dieses Ausmaßes bis zum März dieses Jahres von ihm, wie wohl von den allermeisten Linken, nicht antizipiert wurde; anderen Phänomenen der Zerstörung der äußeren Natur des Menschen gegenüber – wie die Klimakrise, die chemische Produktion, die Atomkraft – ist er  kenntnisreicher. Er lernt dazu.

Die Herrschaft musste Unkenntnis und Mängel mildern (von fehlenden Masken und Atemgeräten über Testkapazitäten und Intensivbetten) und korrigierte einige vergiftete Vorteile des weltweit billigen Einkaufs zugunsten subventionierter nationaler Produktion. Das inszenierte große Wir – gegen alle Realitäten einer Klassengesellschaft – barg das Versprechen, dass nach einer Phase notwendiger Entsagung die Rückkehr zur Freiheit der Normalität garantiert sei, Deutschland gestärkt aus dieser Prüfung hervorgehen werde. Dieses Versprechen fand breiteste Zustimmung. Der die Normalität verachtende Gesellschaftskritiker stand im Abseits. Und die Tatsache, dass trotz der Gefahren alle, denen das vom Staat nicht untersagt war oder deren Unternehmen nicht die Nachfrage weggebrochen beziehungsweise die Lieferketten gerissen waren, zur Arbeit gingen, machte seine Randständigkeit noch deutlicher.

Die Bewirtschaftung des Staatsvolks – die den soldatischen Tod fürs Vaterland ebenso impliziert wie die höchst unterschiedliche Lebenserwartung von arm und reich – nach der Maßgabe von gesunder, zur Reproduktion fähiger Arbeitskraft (deshalb wurde mal die Kinderarbeit abgeschafft) gilt als gelungen. Diese Bewirtschaftung weist – historisch und aktuell – immer auch Überschneidungen mit progressiven Forderungen auf, birgt auch „zivilisatorische Errungenschaften“.

Im Vergleich haben die Staaten, die Corona nicht verharmlost oder nur zeitweise auf Durchseuchung gesetzt haben, weniger Todesopfer verursacht. Die Verharmlosung (oder das Bekenntnis zu heroischer Opferbereitschaft) ist, von Ausnahmen abgesehen, weltweit Domäne der Rechten.

In den armen Regionen der Welt, wo das soziale Elend der Slums weder Abstandsgebote noch Homeoffice zulässt, und die Staatskassen nur drakonische Repression erlauben, werden die Toten weder untersucht noch gezählt, sondern verscharrt. Unermittelbar wird sein, wer am Virus gestorben ist und wer an Hunger und Unterversorgung durch die Wirtschaftskrise und ihre Begleiterscheinungen. Das beunruhigt in Deutschland wenige; und nie darf übersehen werden, dass zum guten Zeugnis, das der Regierung ausgestellt wird, auch Zustimmung zur Gnadenlosigkeit gegen jene auf den griechischen Inseln und anderswo gehört. Das steht auf keinem anderen Blatt.

Das Versprechen der Herrschaft, Deutschland werde „gestärkt“ aus der Krise hervorgehen, ist, als relative Größe, durchaus chancenreich. Die Ressourcen der staatlichen Stützungsmaßnahmen haben fast das Volumen der restlichen EU. Da lässt sich manch Vorteil in der Konkurrenzschlacht finanzieren. Man springt mit den armen europäischen Schluckern zwar nicht ganz so um, wie vor ein paar Jahren mit Griechenland, aber verschenkt wird nichts.

In gewisser Weise hat der Wind gedreht: Mit all den „Lockerungen“(von großer symbolischer Bedeutung war die Wiedereröffnung der Baumärkte, damit wenigstens kein Mann mehr Angst vor Muße haben musste), den Reisemöglichkeiten und geöffneten Kneipen und Restaurants, dem Versprechen des Fußballs mit Publikum etc. einher geht eine Propaganda der Akzeptanz des Opfers für den Wohlstand. Eine Ideologie, die Risiken, Kollateralschäden und Späne beim Hobeln akzeptiert – also Tote, weggeschlossene Alte und Betroffene aller Risikogruppen. Noch etwas verdruckst, aber unübersehbar bahnen sich Eugenik und Sozialdarwinismus ihren Weg ins Legitime. Hier liegt die Schnittstelle von Liberalismus und Faschistoidem, die Linke, als Verfechter des Lebens und des guten Lebens, reflektieren müssen.

Unausrottbar, nebenbei bemerkt, erscheint die Mystifikation des Staates durch Linke, als sei er doch eigentlich das Gute, das potentiell Gute. Wenn er schon mit neun Milliarden bei der Lufthansa einsteige, so müsse er doch auch für Beschäftigungsgarantie sorgen – was für ein Quatsch! Ein Linker, der nicht selbst Nationalist ist, hat keine Leidenschaft für so ein Projekt – eher im Gegenteil.

Der Referent bringt die Kraft nicht auf, er hält es für einen Irrweg, für Produkte und Dienstleistungen zu fechten, die er für Schrott, überflüssig, schädlich hält – im Namen von Bruttosozialprodukt und Arbeitsplätzen. Er ist Gegner des herrschenden Modells der entsagungsreichen Plackerei und ihrer scheinbaren Entschädigung durch konsumtive Möglichkeiten. Das bedeutet Kritik der Bedürfnisse als Kritik der kapitalistischen Produktionsweise.

Was vielleicht als Abschweifung anmutet, ist seines Erachtens zentral, auch um in Zeiten von Corona einen Begriff zu gewinnen, was Zartheit, legitime Angst, Solidarität gerade mit den Schwachen bedeutet – als Gegensatz zu übergriffigen Vergnügungen und Rädern, die nie stillstehen dürfen.

Die Ignoranten sind auf dem Vormarsch, die sich unverwundbar Dünkenden, die mit der No-Risk-No-Fun-Mentalität der Arbeitswütigen. Der Staat, der diese Gesinnung braucht, weil keiner „zweiten Welle“ mit den Restriktionen des Frühjahrs begegnet werden kann, mahnt, tadelt bei Übertreibungen und verhängt Bußgeld, wo es zu toll getrieben wird, womöglich mit Randale. Aber er versteht die „berechtigten Anliegen“ des Teils der „Hygiene-Demonstranten“, die Demokraten sind und auf dem Grundgesetz stehen. Spitzenpolitiker suchen „das Gespräch“, sogar ohne Maske, wie man in Sachsen sehen konnte.

Der erneut abseitsstehende Systemkritiker, der es ganz schön substanzlos und also langweilig findet, wenn es zwischen Ethik-Kommissaren und Linksliberalen hin und her wogt, zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Verhältnismäßigkeit und Stunde der Exekutive – weil er ein Kritiker von Politik und Verfechter der Erkenntnis ist, nach der die bürgerliche Demokratie eine Organisationsform der Unfreiheit ist. Er kann, das ist eine theoretische Position, beim besten Willen nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehen.

Das bestreitet keine „rechte Gefahr“, das delegitimiert keine antifaschistische Gegendemo, es sucht nur zu ergründen, warum das Versprechen der Aufklärung, mit Überwindung des Feudalismus und der Macht der Pfaffen würde die Vernunft siegen und Aberglaube und Wahn verschwinden, so komplett unerfüllt blieb.

Die beängstigende Verbreitung von Verschwörungstheorien und artverwandtem Spuk zeugt davon. Es muss in den materiellen Verhältnissen liegen, die irre sind und den ihnen ausgelieferten Menschen irre machen. Die Gesellschaftskritik weigert sich deshalb, die pathogene Meinung säuberlich von der normalen zu scheiden. Manchmal fragt sie sich sogar – Herbert Marcuse folgend – ob die (instrumentelle) herrschende Vernunft nicht gefährlicher sei als das Irrationale.

 

Freitag, 18.09.2020, 19 Uhr, Bootshaus der Naturfreunde München, Zentralländstraße 16, 81379 München