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Über Leichen

04.07.2018 10:35

Hermann L. Gremliza schrieb in seiner Kolumne in konkret 11-2013 über Lampedusa, die Kriminalisierung von Rettern und die Toten im Mittelmeer.

Wie groß muß der Friedhof auf meiner Insel noch werden? Mich regt das Schweigen Europas auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg. 
Giusi Nicolini, Bürgermeisterin von Lampedusa 
 
Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit all das sind Dinge, für die wir wirklich auch sagen müssen, daß wir uns dafür schämen, daß es das in unserem Land noch gibt.
Angela Merkel 
 
Und hier«, fuhr die Kanzlerin fort, »haben wir alle miteinander noch sehr viel Arbeit.« Gesagt, getan: Bei erster Gelegenheit, die sich durch das Ertrinken von dreihundertfünfzig afrikanischen Flüchtlingen in jenem Meer ergab, auf dessen Grund schon die Überreste von Zehntausenden Ertrunkener treiben, schickte Merkel ihren für Rassismus zuständigen Minister. Der erklärte sogleich ganz schamfrei, daß die Regeln, die den Fischern von Lampedusa verboten hatten, Ertrinkende zu retten, »selbstverständlich unverändert« bleiben, und die Strafen für »Schlepper«, die zu Zeiten, als die Flüchtlinge keine Nigger waren sondern »unsere Brüder und Schwestern«, noch Fluchthelfer hießen und mit Verdienstkreuzen belohnt wurden, verschärft werden müßten. Im Staatsfernsehen sprang der Kanzlerin und ihrem Minister ein Faschist mit dem unwidersprochenen Verlangen bei, zur Abschreckung von Flüchtlingen Filme der vor Lampedusa treibenden Leichen überall in Afrika vorzuführen (nicht bedenkend, daß Konterfeis mit seiner Visage den nämlichen Zweck auf billigere Weise erfüllten).  
Den schiefen Eindruck zu korrigieren, die Rassisten hätten in Deutschland gesäßgeographisch nur auf einer Seite Platz, begann ein paar Tage nach dem Tod der Dreihundertfünfzig und einen Tag vor dem Tod weiterer drei Dutzend Flüchtlinge an Italiens Küste die Prügelgarde des sozialdemokratischen Hamburger Senats die dreihundert Ausländer, die es bedauerlicherweise vor Monaten lebend von Lampedusa in die Freie und Hansestadt geschafft haben, aufzuspüren, um sie baldmöglichst abzuschieben.  
Und noch ein Eindruck wäre schief: daß die Zustände anderswo in Europa sehr viel leichter zu ertragen seien als die hiesigen. Italiens Ministerpräsident Enrico Letta etwa hat die Opfer der Lampedusa-Katastrophe posthum zu italienischen Staatsbürgern ernannt, was einen Kommentator der »Westdeutschen Allgemeine« zu der raren, seiner Karriere unzuträglichen Erkenntnis verleitete: »Den Überlebenden des Unglücks, denen nun Bestrafung droht, muß das wie Hohn vorkommen. Nach dem Motto: Ihr seid willkommen in der EU – sobald ihr tot seid!«  
In Frankreich könnte, sagt eine Umfrage des »Nouvel Observateur«, der rassistische Front National bei den Europawahlen stärkste Partei werden, getragen von einer Stimmung, zu der François Hollandes Innenminister Manuel Valls mit der Parole beiträgt, die Roma seien »nicht dazu geeignet, in Frankreich zu bleiben«, ihre »Berufung« bestehe darin, nach Rumänien oder Bulgarien zurückzukehren.  
Was den Rassismus bezüglich der Deutschen angeht, so trat seine Berechtigung Anfang Oktober, als die ersten Bilder aus Lampedusa auf den Bildschirmen in die letzten vom Münchner Oktoberfest übergingen, nur allzu kraß in Erscheinung. Dort erschütternde menschliche Verzweiflung, hier sinnloses Leben, das seinen Vegetationszweck erfüllt sieht, wenn es nach fünf Litern Bier kotzend untern Tisch rollt. Wer fühlte da nicht wie Robert Musil, der nach dreiwöchiger Sommerfrische im Zillertal geseufzt hatte: »Der Kongo steht mir geistig näher.«  
Der Kongo ist eine Gegend, an der Afrikas Elend sich beispielhaft beschreiben läßt. Die Geschichte begann im 19. Jahrhundert damit, daß das Land in den Privatbesitz des belgischen Königs Leopold geriet, der es mit blutiger Hand ausraubte bis auf das letzte Körnchen Gold. Erst 1960 mußte Belgien die Kolonie aufgeben. Der jungen Demokratischen Republik Kongo die Grenzen zu zeigen, ließen die USA den Führer der Unabhängigkeitsbewegung, Patrice Lumumba, ermorden. Nun konnte der neue Staat nach den Regeln der neuen, der post-, besser: der neokolonialen Epoche zugerichtet werden: Wer uns seine Rohstoffe ausliefert, wird geschmiert und mit Waffen bestückt, wer aufmuckt, wird von dazu gekauften Rebellen beseitigt.  
Aber, junger Mann, wendet der Experte für Entwicklungspolitik ein, Afrika ist doch viel zu arm, um dort was zu verdienen, wir haben über die Jahre Milliarden um Milliarden hineingesteckt, die alle in korrupten Strukturen versickert sind. So spricht er in Plasbergs Plauderstunde und anderen Sabbelbuden, und alle nicken bedächtig. Dabei genügte sogar ein Blick in die Schriften des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Lügner zu überführen:  
Die Demokratische Republik Kongo ist eigentlich reich: Sie verfügt über Rohstoffe, viel Wasser und große tropische Regenwälder. Doch viele Jahrzehnte der ausbeuterischen Kolonialherrschaft und der Diktatur sowie darauf folgende Kriege, teilweise in kontinentalen Ausmaßen, haben das zentralafrikanische Land bitterarm gemacht. Auf dem Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen (2012) steht die DR Kongo gemeinsam mit Niger auf dem letzten Platz von 187 aufgelisteten Staaten.  
Und selbst aus diesem bitterarmen Land holt der reiche Norden zur Zeit pro Jahr 355 Millionen US-Dollar heraus. Der Norden? Es geht präziser, wenn auch nur sehr selten, dann aber sogar mal in der »Taz«:  
Der deutsche Einfluß im Kongo ist vor allem im wirtschaftlichen Bereich immens. Der Großteil des kongolesischen Staatsgebiets ist von Regenwald bedeckt – die größte Holzfirma des Kongo ist deutsch. Die Bank mit den meisten Kunden im Kongo ist deutsch. Unter deutscher Regie arbeitet die größte Medikamentenfabrik des Landes.  
Dirk Niebel von der FDP hatte die Entwicklungshilfe und das ganze Ministerium abschaffen wollen, bevor »die Wirtschaft« es auch in seinen Kommißkopf gebimst hat, daß die sogenannte Entwicklungshilfe nichts ist als die Spesen der Ausbeutung, woraufhin er das frisch Gelernte etwas zu offenherzig aufsagte: Das Ministerium, erklärte Niebel, sei kein »Weltsozialamt «; betrieben werde es, »weil es andere Möglichkeiten hat als die offizielle Diplomatie«. Es dient, heißt das, der Unterwerfung der Dritten Welt unter deutsche Interessen mit ein bißchen anderen Mitteln. Die 105 Millionen Euro, die als Entwicklungshilfe für den Kongo ausgewiesen werden, gehen »in die Bereiche Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, Schutz und nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen sowie Auf- und Ausbau eines Mikrofinanzsystems im Land« – kurzum: entweder direkt an die deutschen Firmen, die im Kongo tätig sind, oder in den Ausbau der von ihnen zur Ausbeutung benötigten Infrastruktur.  
Und weil das so ist, weil noch das ärmste Land des Südens ausgepreßt wird bis auf den letzten Tropfen Gut und Blut, verhungert auf dieser schönen, reichen Welt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren, sterben Tag für Tag 57.000 Menschen an Hunger. Und weil nicht alle verhungern wollen, machen manche sich mit letzter Kraft auf den Weg dorthin, wohin seit Jahrhunderten all ihr Hab und Gut gegangen ist und, wenn sie Kongolesen sind, im letzten Jahr 355 Millionen US-Dollar. Wäre es nicht so streng verboten wie dem Fischer vor Lampedusa die Rettung ertrinkender Afrikaner, möchte man das Gewaltverhältnis, das da waltet, Imperialismus nennen.  
Eine Warnung zum Schluß: Es geht nicht darum, wer wie viele aufgenommen hat, wen wer was kostet, es geht nicht um Kontingente, Brot für die Welt und andere Peanuts. Es geht auch nicht nur um unterlassene Hilfeleistung. Es geht um staatlich konzessionierten Mord, Massenmord. Schon wer sich auf eine Diskussion um Quoten und Vergleiche einläßt, und wollte er nur der Lüge des Innenministers widersprechen, Deutschland sei das Land, das die meisten Flüchtlinge aufnimmt, beteiligt sich ungewollt an der Verharmlosung, wenn nicht Vertuschung dieses Verbrechens. 

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