Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo0519start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Entgrenzte Vernunft

Seit es »soziale Netzwerke« gibt, fällt es selbst routinierten Sprachschlammproduzenten schwer, angesichts der Unzahl kommunikativer Abwasserkanäle den Überblick zu behalten. Die Einheit des Gewäschs in der Vielfalt seiner Stimmen erkundet Magnus Klaue

 

Die »kommunikativ verflüssigte Ich-Identität«, die Jürgen Habermas einst als Telos einer von ihren metaphysischen Verkrustungen befreiten Vernunft ausmachte, hat sich im Zeitalter von social media völlig anders realisiert, als das gedämpfte Nuscheln des Meisters ahnen ließ. An die Stelle des geltungsanspruchsbetonierten Herumräsonierens öde selbsttransparenter Diskursautomaten ist die totalentzerrte Assoziation kommunikativ verknäuelter Borderline-Bürger getreten. Die drei Kriterien, nach denen Habermas zufolge die Elaborate der kommunikativen Vernunft beurteilt werden können – Richtigkeit, Wahrhaftigkeit und Wahrheit –, sind zu dem allein gültigen der Authentizität zusammengeschmolzen: Die Behauptungen und Meinungen, die die Gesprächskombattanten sich im weltweiten Netz um die Ohren hauen, mögen sachlich noch so falsch, argumentativ noch so schlecht begründet und moralisch noch so korrumpiert sein, sie gelten als unbedingt zu respektierende Wahrheit des Subjekts, sobald sie mit der wütenden, weinerlichen, munteren oder sonstwie von Betroffenheit zeugenden Verve des engagierten Meinungskämpfers vorgebracht werden. Je stärker die Subjekte auf jene »Sprecherposition« zusammenschrumpfen, zu deren Stellvertretern die postmodern regredierte Kommunikationstheorie sie erklärt, je deutlicher also die Austauschbarkeit ihrer selbst und ihrer Meinungen zutage tritt, desto besessener klammern sie sich an ihren ebenso besonderen wie beliebigen Standpunkt, über den hinauszugehen bereits dem Verrat an der Wahrheit gleichkäme, die immer nur die partikulare eigene ist.

Die »sozialen Netzwerke« sind nicht die Ursache dieser Dekomposition. Indem sie das Ideal einer enthierarchisierten Öffentlichkeit beim Wort nehmen und jedem Vollpfosten die Möglichkeit bieten, seine verstockten Obsessionen in irgendeiner Kommunikationssekte auszuagieren, erfüllen sie innerhalb der vom Bann der Hierarchie beherrschten Gesellschaft in gewisser Weise sogar eine therapeutische Funktion. Wie viele vereinzelte Einzelne dank der sozialen Netzgemeinschaft statt zu Amokläufern nur zu Bloggern wurden, wird die empirische Sozialwissenschaft vermutlich nicht eruieren können. Daß die virtuelle Umlenkung der gesellschaftlich produzierten und von den Subjekten als Identitätsausweis bejahten Soziopathie diese aber nicht nur entschärft, sondern zugleich unermeßlich ausweitet, ist dennoch evident. Wer bereits seit Jahren, wie die neue Berufsbezeichnung lautet, »sozial vernetzt« ist, der ist für die Belange oder gar Reize der analogen Wirklichkeit nicht mehr ansprechbar; wer sein Ich ins eigene Profil verwandelt, ist nach weniger als einem Jahr nicht wiederzuerkennen. Der Prozeß objektiver Verdummung, den jeder an sich selbst beobachten kann und den zumindest nicht zu befördern den Hauptteil der Arbeits- und Lebenskraft heute aufzehrt, läuft, ist das Leben zum Account geworden, mit der Geschwindigkeit eines Daumenkinos ab. Die Deprimation, die davon ausgeht, ist unabweisbar; man muß schon linker Aktivist oder Medienphilosoph sein, um die hundertprozentige Identifikation mit dem in sein eigenes Gegenteil umgeschlagenen technologischen Fortschritt als subversive Außenseiterposition in einer Welt kulturkonservativer Technikskeptiker zu halluzinieren. Als kulturkonservativ wird beschimpft, wer noch nicht ganz mitmacht; als kritisch gilt, wer als leibgewordene Einheit von Ford und Lenin begeistert ja dazu sagt, daß es immer weitergeht. Wer indes den Worten, mit denen die jüngste Erscheinungsform des regressiven Fortschritts sich selbst erklärt, genau zuhört, kann ihrem Klang entnehmen, wohin die Reise geht. Dies soll anhand einer kleinen Auswahl demonstriert werden.

 

Blog: Ein Sprachklump aus Tagebuch, Poesiealbum, Selbstbiographie, Dissertation und Tageszeitung, der einen davon dispensiert, sich für eine dieser Formen die notwendige Zeit zu nehmen. Ein Blog bezieht in der Regel vom Tagebuch die authentizitätsgesättigte Nabelschau, vom Poesiealbum die Neigung zum automatisierten Aphorismus, von der Selbstbiographie die Logorrhöetendenz, von der Dissertation das obskurantistische Expertentum und von der Tageszeitung die zusammenhanglose Wiedergabe irrelevanter und bedeutungsvoller Informationen. Die meisten Blogs tendieren zum Block, sowohl im Sinne von Notizblock wie von Blockwart. Gute Blogs könnten auch Bücher sein.

 

Emoticon: Ikonisch regredierte Sprachfratze, die es nicht nur als Smiley, also in lächelnder Form, sondern mit diversen Ausdrucksschablonen gibt. Lächeln, Weinen, Wüten, Zwinkern, Staunen sind bei ihr nichts als unterschiedliche immergleiche Ausdrucksformen dummdreister, roher Verstocktheit; darin unterscheiden sie sich nicht von den Faces der Analogbürger.

 

Freunde: Freundeskreise zu haben, war schon immer verdächtig. Lebendige Wirklichkeit haben Freundschaften als individuelle; wo aus ihnen Kreise werden, sind, wie jeder aus der Schulzeit weiß, Clique und Bande nicht weit. Die virtuellen Freunde haben nicht die soziale Kleisterigkeit und brütende Gemeinschaftshitze der Freundschaftsbande, ihr Kreis ist zugleich abstrakter und totaler als diese. Mit digitalen Freunden muß man sich nicht abplagen wie mit analogen, man kann sie ohne Rechtfertigung und Aussprache ebenso locker ablegen, wie man sich neue anschafft. Dafür verwandeln sich, der Logik des Mediums folgend, alle sachlich und beruflich vermittelten Kontakte in virtuelle Freundschaften und werden so den privaten gleichgestellt, die ihrerseits keine mehr sind. Freunde sind der kommunikativ verpappte Sozialbrei im Zeitalter falscher Vermittlung. Humanoide Kommunikationspartner, die ihre Verwandlung in Knotenpunkte sozialen Austauschs nicht akzeptieren wollen, werden in der analogen Restwelt gern als Stalker, in der Netzwelt als -> Trolls zum Abschuß freigegeben.

 

Kontakte: So nennen sich die standardisierten Prozeduren, zu denen die sozialen, affektiven und geistigen Verbindungen mit Freunden, Bekannten, Kollegen und Geliebten gerinnen, wenn man selbst sich wie diese in ein -> Profil verwandelt hat. Das angemessene Sozialverhalten gegenüber Kontakten ist das Verwalten. Kontakte, bei denen zu viel oder zu wenig Reibung entsteht, können gelöscht werden. Das eigene -> Profil kann auch nach analoger Selbstauslöschung meist nur stillgelegt werden. Die -> Freunde können es dann als Abwurfplatz ihrer mit heulenden -> Emoticons dekorierten -> Postings verwenden.

 

Nickname: Die Namen, die man sich in den sozialen Medien geben kann, sind eine Verkleisterung von Pseudonym, Spott-, Kose- und Eigenname. Sie sind unernster und flexibler als das Pseudonym, dessen Versteckfunktion sie adaptieren, weniger höhnisch als der Spottname, den sie stolz masochistisch wenden, protziger als der Kosename, dessen lobpreisender Funktion sie die Intimität nehmen, und weniger verbindlich als der Eigenname, obgleich die Nutzer sich ebenso stark mit ihnen identifizieren. Überzeugte Spaltungsirre verfügen über multiple Nicknames, um die in ihrem Kopf dissoziativ umherirrenden, einander krude widersprechenden Meinungen in adäquater Streuungsbreite ausleben zu können. Außerdem multiplizieren sich dadurch ihre -> Kontakte.

 

Posting: Anspruchsvollere Form des -> Tweet. In Postings lassen sich bei genauer Betrachtung überraschende Gehaltreste finden, die allerdings durch die an sie regelmäßig angehängten kilometerlangen Meinungswischmobs wieder eliminiert werden. Besonders lang sind diese bei Postings zu sogenannten kontroversen Themen. In solchen Fällen besteht erhöhte Gefahr, daß der Mob einen -> Shitstorm entfesselt oder eine -> Schwarmintelligenz aus sich entläßt, was auf dasselbe herauskommt.

 

Profil: Im vorvernetzten Zeitalter wurde einem Profil attestiert, wenn man sich erfolgreich den Anschein gab, mehr als die Charaktermaske zu sein, zu der das Leben einen gemacht hat; wenn man also den Surplusluxus, neben, unter oder über der ohnehin mit dem individuellen Antlitz verwachsenen Gesellschaftsmaske einen Charakter zu haben, ernst genug nahm, um ihn um seiner selbst willen zu pflegen. Seit sich die zerfallenen bürgerlichen Subjekte als kybernetisch vernetzte Besetzer funktionaler Kommunikationspositionen rekonstituiert haben, bezeichnet Profil, was von ihnen übrig bleibt, wenn sie Charakter ebenso wie Maske abgelegt haben. In dieser Bedeutung ist das Wort in den analogen Restalltag reimportiert worden, in dem seither die Stellenprofile, Bewerbungsprofile, Datingprofile und Serviceprofile sprießen.

 

Schwarmintelligenz: Wenn die totale Kommunikation zur materiellen Gewalt wird und die Massen ergreift, deuten ihre Propagandisten das als Ausdruck von »Schwarmintelligenz«, die heftig kritisch, aktivistisch und subversiv irgendwelche Hierarchien unterwandere. In Wahrheit ist der Begriff ein Oxymoron, dessen Selbstwiderspruch den fortbestehenden, durch bewegungslinke und sonstige massenpolitische Projektionen verdrängten gesellschaftlichen Widerspruch spiegelt: Daß die Intelligenz glaubt, sich als Schwarm organisieren zu müssen, um produktive Kraft zu entfalten, ist Indiz für ihre reale Ohnmacht. Als Reflex der Mimesis der Menschen an die Tiersozialität ist der Begriff dem des -> Twitterns verwandt.

 

Shitstorm: Wutaktivistische Erscheinungsform der -> Schwarmintelligenz. Zu ihrem bevorzugten Opfer wird, wer in den social media durch sein Kommunikationsverhalten den Verdacht nahelegt, es sei ihm statt mit der eigenen losgelassenen Meinung mit der Sache ernst, um die es jeweils geht. Es genügt aber auch schon, mit zufälligen Äußerungen die verhärteten Befindlichkeiten einer beliebigen netzaffinen Kleingruppe zu verletzen, um plötzlich im Shitstorm zu stehen. Irreführend ist das Wort insofern, als es implizit zwischen der agitatorischen Scheiße digitaler Wutmenschen und dem Rest digitaler Kommunikation unterscheidet. Halbwegs treffend ist es, wenn man es auf der zweiten Silbe betont.

 

Trolls: Niedliche, aber häßliche kleine Wesen, die von hygienischen Digitalbürgern als störend empfunden werden, weil sie offen praktizieren, wozu das Medium ohnehin einlädt. Lassen sich objektiv weder in ihrem -> Nickname noch in ihren -> Postings von anderen Nutzern unterscheiden und hauptsächlich daran erkennen, daß niemand sie zu seinen -> Freunden zählen mag. Ihr Status ist dem der Stalker in der Analoggesellschaft ähnlich: Die Community exorziert in ihnen, was in ihr selber lauert.

 

Tweet/Twittern: Keine neue Kommunikationsform illustriert die physiologische Erdung des Sprechens und Denkens, die durch die erhöhte Abstraktion der sozialen Netzwerke erst möglich wird, so anschaulich wie das Twittern. Ein Tweet verhält sich zum Twittern wie das Produkt der Notdurft zum Prozeß, der es hervorbringt. Wie es notdurftbestimmte Prozesse an sich haben, ist das Twittern ebenso vom Zwang beherrscht wie individuell. Wer die Denk-Sprach-Klumpen, die sich in der Kommunikation entäußern, aus physiologischen oder individualpsychologischen Gründen nicht lange bei sich behalten kann, muß schon morgens nach dem Aufstehen twittern und twittert danach stündlich. Viele sind gezwungen, jeden ihrer Gedanken unverdaut wieder auszutwittern; andere können zumindest so lange warten, bis er die handfeste Form eines Aphorismusknödels angenommen hat. Wieder andere, die nicht die Mehrheit bilden, produzieren nur ein- bis zweimal in der Woche ergiebige Ideen- oder Informationshaufen oder -würste, die von anderen (-> Freunden, die beim Twittern Follower heißen) aufgesammelt und retweetet werden können. Die Metaphorik der Ausscheidung ist, obwohl sie die psychosomatischen Konstituentien des Twitterns zu verstehen hilft, zugleich irreführend. Tatsächlich bedeutet to twitter zwitschern oder schnattern. Daß der euphemistisch so genannte Gesang der Vögel der Musikalität entbehrt, die die Menschen erst in ihn hineinphantasieren müssen, und ein Staccato von unter dem Bann der Selbsterhaltung stehenden Ruflauten ist, die sich nicht zum Ausdruck zu kristallisieren vermögen, hat bereits Adorno bemerkt. Eine bessere Bezeichnung konnte das Medium sich selber also gar nicht geben. Sie plaudert aus, was es vollzieht: die technologisch vermittelte Reduktion des sprachlichen Ausdrucks, in dem die sinnlichen Impulse der Menschen sich im Geist sublimieren, zum Mittel der Selbsterhaltung; die schlechte Aufhebung des Sänftigenden der Sprache auf ihrer eigenen Grundlage.

Die Stichworte bezeichnen Teile eines erst zu schreibenden Lexikons, das wohl ebenso entgrenzt wäre wie die Vernunft, deren Niedergang es spiegelt.

 Magnus Klaue vernachlässigt sein Profil, seine Kontakte und seine Freunde schon seit Jahren

Zurück