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Hitler als Preistreiber

Jonathan Meese macht manchmal den Hitlergruß. Nicht als Privatmensch und bestimmt nicht, weil er Nazis mag. Sondern weil er der Meinung ist, daß in der Kunst alles erlaubt sein sollte. Er fordert eine »Diktatur der Kunst«, er will die Kunst als eine Zone der Narren-, Ideologie- und Sinnfreiheit etablieren, als Gegenpol sozusagen zu einer durchideologisierten Gesellschaft, in der heute selbst die Frage nach dem Betriebssystem oder den Eßgewohnheiten zu Grabenkämpfen führt. Und in der Tat könnte man fragen, ob man es den Nazis zubilligen muß, eine Armbewegung auf alle Ewigkeit für sich zu patentieren. Diesen Reflex, eine Geste an sich schon für böse zu halten, hat Meese im »Spiegel« als »Vodoo-Priestertum« bezeichnet.

Man kann diesen theoretischen Unterbau ein wenig dürftig finden. Noch viel dürftiger erscheinen jedoch die Geister, die Meese nun verklagen wollten. Man muß sich nur einmal vorstellen, man würde auch Filme und Literatur wieder daraufhin untersuchen, ob sich die Autoren mit den Inhalten ihres Personals identifizieren. Die gesellschaftliche Abstraktionsleistung war da schon mal weiter. Dieser Rückfall ausgerechnet in der Bildenden Kunst ist ein Hinweis darauf, wie sehr man die Bedeutsamkeit der Kunst zu überschätzen scheint. Statt dessen könnte einem Meese schließlich auch ein bißchen leid tun. Seit Jahren nun fällt ihm schon kein interessanter Dreh mehr ein, Aufmerksamkeit für seine Kunst zu generieren. Vermutlich ist der arme Kerl von seinen Hitlergrüßen ähnlich gelangweilt wie seine Sammler.

In diesem Zusammenhang kam die Frage auf, ob das, was Meese macht, eigentlich Kunst, gar welche von Bestand, sei. Wäre ja praktisch gewesen, wenn das nun ein Gericht entschieden hätte. Schließlich wimmelt es in der Kunstwelt vor deutlich banaleren Ideen, die das Publikum trotzdem verehrt, als kämen sie vom Herrgott persönlich. Aber wie und vor allem wer sollte darüber richten?

Begriffe wie schön und ergreifend haben bekanntlich seit Jahrhunderten ausgedient, wie überhaupt die großen Autoritäten, Kirche und Kaiser, die qua Auftragsvergabe lange als einzige über den Wert der Kunst befunden hatten. In ihre Fußstapfen sind längst reiche Sammler getreten, die sich früher qua Finanzraubrittertum (die Medici) und heutzutage etwa über ihre Weltmarktführerschaft in der Betankungstechnik, dem Onlineverkauf von Hundefutter oder gleich ausschließlich durch das Erbe eines Fahrzeugteilunternehmens für die Meinungsführerschaft in der Kunstbeurteilung qualifiziert haben. Was sie kaufen, erreicht die höchsten Preise und damit die größte Aufmerksamkeit – da hilft es auch nichts, daß dieser Mechanismus hinlänglich beschrieben ist und alle Beteiligten den Warencharakter von Kunst konsequent leugnen.

Was das bedeutet? Meese, der im großen und ganzen ein netter, unternehmungslustiger Kerl zu sein scheint, ist zu wünschen, daß im Anschluß an die jüngste Aufmerksamkeit auch seine Preise wieder steigen. Womit dann bewiesen wäre, daß das, was er da treibt, wirklich große Kunst ist.

– Tina Klopp –

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