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Schluß mit den Defiziten

Auch behinderte Menschen sollen sich künftig im Sinne der Gemeinschaft »einbringen«: Darauf laufen die Pläne der Bundesregierung zur Förderung der Inklusion hinaus.

Von Magnus Klaue

Ein Beispiel dafür, was die Fürsprecher der sogenannten Inklusion sich unter gesellschaftlicher Teilhabe vorstellen, ist Verena Bentele, seit vergangenem Januar Beauftragte für die Belange behinderter Menschen beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Die 32jährige hat ihr Abitur an der Blindenstudienanstalt in Marburg absolviert, Neuere Deutsche Literatur und Sprachwissenschaften an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität studiert, Paralympisches Gold im Biathlon gewonnen, ist Mitglied der Paralympischen Nationalmannschaft, arbeitet als Personaltrainerin und »Systematischer Coach« und ist Botschafterin der Christoffel-Blindenmission. Sie hat also nicht nur trotz, sondern mit ihrer Behinderung in jungen Jahren viel erreicht und taugt als strahlendes Vorbild für diejenigen, um die sie sich in ihrer neuen Funktion künftig kümmern muß.

»Kümmern« wäre jedoch für die Bundesregierung, die im Geiste der 2008 in Kraft getretenen UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen »Inklusion« statt »Integration« fördern und den sogenannten »Defizitansatz« beim sozialen Umgang mit Behinderten durch ein Konzept aktiver »Teilhabe« ersetzen will, wohl bereits ein zu herablassender Begriff. Denn Behinderte sollen fortan nicht vor allem als potentielle Pflegefälle, sondern als vollwertige Aktivbürger angesprochen werden. Damit setzt die Große Koalition die Linie der früheren rotgrünen Bundesregierung fort. Die ehemalige Gesundheitsministerin und derzeitige Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Ulla Schmidt (SPD), lobt das »Energiebündel« (»Stuttgarter Nachrichten«) Bentele denn auch mit den Worten: »Solch eine erfolgreiche Sportlerin hat schon eine ganze Portion Energie aufbringen müssen, sonst hätte sie das nicht erreicht«, und betont, daß es bei dem Ansatz der »Teilhabe«, den Bentele vertritt, »nicht um Fürsorge« gehe. Menschen mit Behinderung, sagt Schmidt und bereitet ihr Publikum sanft auf künftig anstehende Einsparungen vor, seien »nicht generell pflegebedürftig«, sondern könnten sich »gut einbringen«, wenn nur die »Rahmenbedingungen« stimmten: »Das hat Bentele im Spitzensport gelernt, und das wird sie auch auf politischer Ebene umsetzen.«

Wer die mitklingende Drohung nicht zu hören vermag, kann auf der Website der neuen Behindertenbeauftragten unter »Teilhabe am Arbeitsleben« nachlesen: »Die Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben gehört zu den wichtigsten sozialpolitischen Aufgaben, denn Erwerbstätigkeit sichert nicht nur die Existenz, sondern schafft auch soziale Kontakte und soziale Anerkennung und trägt damit entscheidend zu einer gelungenen Lebensführung bei.« Ganz im Sinne der allerorts zu beobachtenden Verwandlung des gesamten Lebens in ein Projekt soll Lohnarbeit auch Behinderten nicht allein dazu dienen, sich das Geld zu verdienen, das man braucht, um wenigstens außerhalb des Jobs halbwegs tun zu dürfen, was man möchte, sondern für »soziale Anerkennung« sorgen, mithin die gesellschaftliche Identität stiften, die von der zerfallenden Öffentlichkeit ebensowenig mehr garantiert werden kann wie vom entleerten Privatleben. Die Delegierung der Sphäre sozialer Kommunikation, von Empathie, Freundlichkeit und »Fürsorge« im nicht nur karitativen Sinn des Wortes, an den Arbeitsmarkt, an dem »teilzuhaben« als Nebeneffekt gleich die Lebensqualität steigern soll, ist mit der Formel von der »gelungenen Lebensführung«, die nicht zufällig nach Strafvollzugklingt, treffend beschrieben und reagiert auf die Subsumption der sozialen Berufe unters Prinzip sozialer und ökonomischer Nützlichkeit.

Daß Aussagen wie die, bei »Inklusion« gehe es »nicht um Fürsorge« und behinderte Menschen seien »nicht generell pflegebedürftig«, nicht als sozialstaatliche Adaption von Empowerment- Strategien verstanden werden dürfen, zeigt sich an der Diskussion über »inklusiven Unterricht«. Das in der UN-Behindertenkonvention formulierte Ziel, allen Bürgern die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten »auf allen Ebenen und in vollem Umfang« zu ermöglichen, was auch den Zugang zur Bildung betrifft, wird von der Bundesregierung, auch darin der rotgrünen Vorgängerin nahe, sehr strikt ausgelegt, nämlich im Sinne einer Verpflichtung, ein Schulsystem zu schaffen, in dem Schüler mit und ohne Behinderungen im Regelfall gemeinsam unterrichtet werden. Das bedeutet aber nicht, daß Sonderpädagogen, deren Arbeitsgebiet mittlerweile pauschal als Verhinderung von »Teilhabe« denunziert wird, möglichst zahlreich als Fachkräfte an Regelschulen eingestellt werden sollen, um die dortigen, durch die Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen überforderten Lehrer zu unterstützen.

Vielmehr plant man, wie die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Sylvia Löhrmann, jüngst »Spiegel Online« sagte, auf den neuen Betreuungsbedarf vor allem durch »Fort- und Weiterbildung« regulärer Lehrkräfte und Hinzuziehung von »Moderatorinnen und Moderatoren«, also Coaches, zu reagieren. Löhrmann, die trotz des Kooperationsverbotes im Grundgesetz bei der Inklusion eine enge Zusammenarbeit von Bund und Ländern anstrebt, glaubt nicht einmal, daß für den inklusiven Unterricht »zwei Lehrpersonen in einem Klassenzimmer« nötig seien, sondern scheint anzunehmen, daß sonderpädagogisch ungeschulte Lehrer durch »Erfahrung« der Arbeit mit Behinderten ausreichend qualifiziert würden: »Man muß das Lernen mit Behinderten erleben, um zu erkennen, daß es gut ist für alle Kinder.«

Doch das Pathos von »Erfahrung« und »Bereicherung«, die das Lernen mit Behinderten bedeute, camoufliert nicht nur, daß es um Einsparung der kostspieligen traditionellen Betreuungsangebote geht. Daß man allen Behinderten die Möglichkeit zur »Teilhabe« gewähren will und scheinbar ermutigend erklärt, sie seien keine Objekte von »Fürsorge«, ist auch eine Form moralischer Erpressung: Im Fall des Nichtmitkommens, der Verweigerung oder Schwäche können sich Behinderte, denen nicht nur kein sportlicher Rekord, sondern nicht einmal die Aufnahme einer Lohnarbeit gelingt, künftig nicht mehr auf den Standpunkt zurückziehen, man könne von ihnen nicht dasselbe verlangen wie von Normbürgern. Statt dessen sollen auch sie die Last ihres kärglichen sozialen Schicksals selber tragen und sich ihr Scheitern als eigene Schuld zueignen. Die UN-Konvention bestimmt »Inklusion« als »gleichberechtigte Teilhabe an der Gemeinschaft«: Wer sich nicht inkludieren läßt, wird künftig ganz in diesem Sinne als Gemeinschaftsschädling gelten.

Magnus Klaue schrieb in KONKRET 3/14 über die Feier der »Andersbegabtheit«

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