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von konkret

»Es gibt«, schreibt da einer, »Wahrheiten, die so sehr auf der Straße liegen, daß sie gerade deshalb von der gewöhnlichen Welt nicht gesehen oder wenigstens nicht erkannt werden. Sie geht an solchen Binsenwahrheiten manchmal wie blind vorbei und ist auf das höchste erstaunt, wenn plötzlich jemand entdeckt, was doch alle wissen müßten. Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu finden. So wandern die Menschen ausnahmslos im Garten der Natur umher, bilden sich ein, fast alles zu kennen und zu wissen, und gehen doch mit wenigen Ausnahmen wie blind an einem der hervorstechendsten Grundsätze ihres Waltens vorbei: der inneren Abgeschlossenheit der Arten sämtlicher Lebewesen dieser Erde. Schon die oberflächliche Betrachtung zeigt als nahezu ehernes Grundgesetz all der unzähligen Ausdrucksformen des Lebenswillens der Natur ihre in sich begrenzte Form der Fortpflanzung und Vermehrung. Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin usw.«

Als das Berliner Ensemble den Thilo Sarrazin zur Plauderei in sein Foyer lud, fragte KONKRET-Herausgeber Gremliza den BE-Direktor Peymann, ob er die Werbung seines Etablissements, in der sich die Köpfe von Bert Brecht und Helene Weigel drehen, mit der Einladung dieses Gesprächspartners für kommensurabel halte, und endete mit dem PS: »Ich bin Ihnen nie begegnet. Manchmal fand ich das schade. Heute bin ich froh.« Peymann, auch nicht faul, sondern oberfaul:

Sehr geehrter Herr Gremliza,

das ist ja immer das deutsche Denken: verbieten – verdrängen – verstecken. Oder mindestens: Maulkorb!

»Caesar« und das BE stellen sich auch den Andersdenkenden. Schimpfen darf natürlich jeder. Auch über Thilo Sarrazin. Und mich.

Herzlich Claus Peymann

P.S. Dann ist es doch gut, daß wir uns nie getroffen haben – wenn ich Ihnen so einen Augenblick Glück schenke …

Immer mal wieder hatte man, und immer mal wieder wider besseres Wissen, diesem Peymann Sprüche zugute gehalten wie den: »Wir kriegen das Geld nicht, damit wir schön sprechen oder die Leute dauernd zum Lachen bringen. Dafür auch. Aber vor allem bekommen wir dieses Geld, um Widerstand zu leisten gegen die Macht, gegen die Mächtigen, gegen die schlechten Sitten, gegen die Korruption, gegen das Verbrechen, gegen die Xenophobie, gegen den Antisemitismus…«

Natürlich war das nicht nur geschwafelt, sondern auch gelogen, denn daß kein Staat so blöd ist, einen Widerstand zu finanzieren, der diesen Namen verdient, weiß niemand besser als mosernde Mitläufer der Marke Peymann. Immerhin klang es irgendwie sympathisch. Ein paar Jahre später erklärt nun der Herr Direktor es geradezu zum Zeichen seines Widerstands gegen die Macht und die Xenophobie, einen Verfasser rassistischer Bestseller in Brechts Haus zu laden, ihn, der »denkt« wie die Redaktion der »Bildzeitung«, ihre Leser und die schwarzbraune Mehrheit der Landsleute, zu einem »Andersdenkenden« zu adeln, dafür aber die Handvoll anders denkender junger Leute, die wenigstens eine der braunen Messen dieses Rassisten verhindert haben, als »unbelehrbare Linke« zu beschimpfen, die sich mit ihrem »undemokratischen, nazihaften Gepöbel … benehmen wie die Brandstifter von Hoyerswerda«, als hätten diese nicht versucht, Menschen zu verbrennen, sondern leider nur eine braune Werbeshow mit Zwischenrufen gestört.

Ein letztes PS, pour épater le Peymann: Auf den freien Gedanken, dem Mann, der über die Meisen und die Feldmäuse anders denkt, das Foyer des BE zu öffnen, sollte er verzichten. Es ist nämlich nicht, wie der Herr Direktor natürlich sofort geglaubt haben wird, der Sarrazin. Es war der Autor eines anderen politisch unkorrekten Bestsellers. Der Titel: Mein Kampf.

 

Jahrzehntelang wurde dem Libyer Gaddafi der Anschlag auf ein Flugzeug über dem schottischen Lockerbie im Jahr 1988 zugeschrieben, bei dem 270 Passagiere starben. Jetzt heißt es in denselben Blättern, »Khomeini befahl Anschlag von Lockerbie«, Gaddafi habe damit nichts zu tun gehabt, die 2,7 Milliarden Dollar an die Hinterbliebenen habe er nur bezahlt, um sich vom Boykott Libyens durch die sogenannte »Staatengemeinschaft« loszukaufen. Alles war also, wie es Winfried Wolf in »Der Mörder ist immer der Oberst / Lockerbie und das ›Auschwitz-im-Wüstensand‹« (KONKRET 6/96) beschrieben hatte.

 

Wenzel Storch, Autor des konkret-texte-Bandes 59: Arno & Alice. Ein Bilderbuch für kleine und große Arno-Schmidt-Fans, liest im April an folgenden Terminen aus seinem »überaus erhellenden Fake-Kinderbuch« (»Taz«) und weiteren Veröffentlichungen: 4.4. Köln, Filmhauskino, Besonders Wertlos Festival; 8.4., Münster, Cinema; 11.-13.4. Berlin, B-ware! Ladenkino; 14.4. Rostock, Lichtspieltheater Wundervoll; 24.4. Bremen, City 46; 27.4. Marburg, Café Trauma. Uhrzeiten und weitere Informationen unter: www.wenzelstorch.de.

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