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Cold War - Der Breitengrad der Liebe

27.11.2018 15:32

Regie: Paweł Pawlikowski; mit Joanna Kulig, Tomasz Kot; Polen/Großbritannien/ Frankreich 2018 (Neue Visionen); 89 Minuten; seit 22. November im Kino

Wo Henckel von Donnersmarck in seinem penetranten »Werk ohne Autor« (siehe DER LETZTE DRECK, konkret 10/18) über drei Stunden dafür braucht, eine Künstlerbiografie mit europäischer Nachkriegsgeschichte zu verknüpfen, gelingt das dem polnischen Regisseur Paweł Pawlikowski in eleganten 85 Minuten – und zwar mit unvergleichlicher Leichtigkeit und Ambivalenz. Pawlikowskis elliptisch erzählte Liebesgeschichte zwischen den Musikern Wiktor und Zula lässt vieles im Unklaren, entfaltet aber gerade darum eine erstaunliche Wirkung.

Alles beginnt im verschneiten Nachkriegspolen: Wiktor und seine Partnerin Irena touren durch ländliche Gegenden und nehmen von Einheimischen gesungene Volkslieder auf. Ein erster Zeitsprung führt zu der Eröffnung einer musikalischen Akademie, für die die beiden Produzenten Sängerinnen und Tänzer casten. Dort begegnet Wiktor zum ersten Mal der jüngeren Zula und ist sofort von ihr fasziniert: Zula stammt zwar aus der Stadt, aber ihr Look und ihre Stimme passen perfekt zu der folkloristischen Truppe, die Wiktor aufstellen will. Zudem umgibt sie die mysteriöse Aura einer tragischen Vergangenheit. Die beiden werden ein Liebespaar, und es wird schnell deutlich, dass es sich hier nicht nur um eine Affäre handelt. Zula ist dem selbstverliebten Wiktor mehr als gewachsen – was zu verhängnisvollen Spannungen führt.

»Cold War« folgt Zula und Wiktor nun durch die Wirren des Europas der frühen Fünfziger – zunächst, mit wachsendem Erfolg der Truppe, nach Ostberlin, dann, als der Druck sowjetischer Einflussnahme zu groß für Wiktor wird, auf der Flucht nach Paris und schließlich wieder zurück zum Ausgangspunkt. Im Vordergrund steht dabei einerseits die großartige Musik, die sich, Zeit und Ort entsprechend, von traditionellem Folk zu modernem Jazz und Pop weiterentwickelt, und andererseits das komplizierte Verhältnis der Liebenden, auf das sich der Kalte Krieg des Titels mehr zu beziehen scheint als auf den politischen Hintergrund. Inszeniert ist die Story in dem Stil, den Pawlikowski schon im Vorgängerfilm »Ida« perfektioniert hat: glasklare, grandios komponierte Schwarzweißbilder und ein Schnitt, der vieles der Phantasie der Zuschauer überlässt. »Cold War« ist ein melancholischer, geheimnisvoller Triumph.

Tim Lindemann

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