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Drei Gesichter

19.12.2018 12:47

Regie: Jafar Panahi; mit Behnaz Jafari, Marziyeh Rezaei; Iran 2018 (Weltkino); 100 Minuten; ab 26. Dezember im Kino

Dass es dem iranischen Regisseur Jafar Panahi gefällt, dem Regime, das ihn zu einer Gefängnisstrafe verurteilt hat, trotz Berufsverbot mit jedem weiteren Film, den er einfach trotzdem dreht, noch ein Schnippchen zu schlagen, daran lässt auch »Drei Gesichter« keinen Zweifel.

Darin erhält die bekannte Schauspielerin Behnaz Jafari (spielt sich selbst) ein Handyvideo, in dem ein junger weiblicher Fan (Marziyeh Rezaei) den eigenen Suizid filmt und Jafari vorwirft, die Bitten um Hilfe bei der Flucht aus dem patriarchalen Umfeld ignoriert zu haben – was Jafari derart schockiert, dass sie das Dorf der Toten aufsuchen will. Während der nächtlichen Autofahrt äußert sie Zweifel an der Echtheit des Videos, die sich sowohl aus der Hoffnung speisen, das Mädchen möge alles nur inszeniert haben, als auch aus dem Misstrauen gegenüber Panahi, dem sie zutraut, sie in seinen neusten Film hineingetrickst zu haben. Dieser Kniff, das Werk selbst zum Thema zu machen, bringt die beruhigende Fiktionalität des Spielfilms ins Wanken. So ist »Drei Gesichter« eine Geschichte von versperrten Wegen aus einer verknöcherten Gesellschaft, die an sich selbst verrückt wird, und zugleich eine Hommage ans Kino.

Es wimmelt von Schranken, die die alte Männerwelt den Frauen setzt. Ob die souveräne Hauptdarstellerin, mit Schaufel bewaffnet, den einzigen befahrbaren Weg zum Dorf zu verbreitern versucht oder das Klischee von der angesichts handfester Probleme wertlosen Kunst dementiert – es sind Frauen, die die Hindernisse überwinden müssen. Das ist trotz minimalistischer Ausstattung meisterhaft arrangiert, auch wenn Panahi es am Ende mit einem besonders potenten Zuchtbullen, der sich auf der Dorfausfahrt niedergelassen hat und so die Abreise verzögert, mit der Metaphorik etwas übertreibt.

Die Protagonisten des alten Patriarchats führt er indes nicht vor, es sind schrullige Sympathieträger. In einer zauberhaft inszenierten Sequenz erzählt ein älterer Mann der belustigten Jafari, man müsse die Vorhaut des Sohnes an einem geeigneten Platz vergraben, so würde der Nachkomme auf den richtigen beruflichen Pfad gebracht, weshalb er sie bittet, das in Salz eingelegte gute Stück seines Sprösslings nahe des Palastes zu vergraben. Nicht nur in dieser Szene stellt Panahi die üblichen Geschlechterrollen gekonnt auf den Kopf.

Nicolai Hagedorn

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