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Syrische Tradition

Scheikh Maqsud, Aschrafija und der globale antikurdische Konsens. Von Dastan Jasim

Seit dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad im Dezember 2024 wird das nordsyrische Aleppo von der neuen islamistischen Übergangsregierung kontrolliert. Nur die Stadtviertel Scheikh Maqsud und Aschrafija standen bisher noch unter der Kontrolle kurdischer Einheiten. Doch Anfang Januar kam es in den kurdischen Stadtvierteln zu Kämpfen zwischen kurdischen Kämpfern und der syrischen Armee, nachdem diese die beiden kurdisch kontrollierten Stadtviertel zu militärischem Sperrgebiet erklärt und die Bewohner aufgefordert hatte, die Bezirke zu verlassen.

In den Medien erscheinen diese Vorgänge als Resultat militärischer Dynamiken. In den gängigen Erklärungen dominieren Hinweise auf Frontverläufe, Milizen und regionale Machtkonstellationen. Hinzu kommt eine fatalistische Rhetorik, wie sie etwa Tom Barrack, US-Botschafter für die Türkei und Sondergesandter für Syrien, benutzt: Der Nahe Osten sei ein chaotischer Ort, in dem sich ohnehin alle hassten und in dem Ruhe nur herrsche, wenn der Stärkere gewinne.

Währenddessen kursieren Videos, die zeigen, wie kurdische Zivilistinnen und Zivilisten misshandelt werden. Mindestens vierzig Menschen wurden inzwischen getötet, Hunderte entführt, Dutzende vor laufender Kamera gefoltert und erniedrigt. Viele von ihnen sind mehrfach Binnenvertriebene. Sie waren 2018 zunächst infolge der türkischen Militärintervention aus Afrin nach Shahba geflohen, von dort nach der Machtübernahme Ahmad al-Scharaas nach Nordaleppo in die kurdischen Viertel von Scheikh Maqsud, und nun von dort, sofern sie überlebt haben, weiter nach Osten – ins Nichts. Familien, die zusammenpacken, was ihnen geblieben ist, und sich aufmachen, ohne zu wissen, wohin. Der die Vorgänge begleitende Kommentar bleibt dabei stets der gleiche: Es sei nun einmal so. Und: Die Kurden hätten sich ja nicht einigen wollen und würden den mühsam errungenen Frieden nach Assad sabotieren.

Das stimmt natürlich nicht. Sowohl die Abkommen zwischen Mazlum Abdî, dem Oberkommandanten der kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF), und Scharaa im März 2025 als auch das Abkommen vom April 2025 bezüglich der kurdischen Stadtviertel wurden von kurdischer Seite eingelöst. Die SDF hat die Viertel verlassen, und Gesprächskanäle wurden aufgebaut. Doch am Ende hängt der Erfolg dieser Verträge von einem einzigen Punkt ab: der Anerkennung der kurdischen Minderheit durch die syrische Regierung. Scharaa, dessen HTS-Truppen übrigens wesentlich kleiner sind als die der SDF, verdankt seine Macht allein seinem geschickten Dealmaking. Seine Unterstützung in der syrischen Bevölkerung hält sich in Grenzen; von den Kurden ganz zu schweigen. Obwohl kurdische Gruppen seit Jahren auf inklusive Weise arabische Regionen regieren, ist die Ausgrenzung der Kurden in den von Scharaa kontrollierten Gebieten fundamental. Da helfen auch Zehn-Punkte-Pläne nichts.

Dass Scharaa glaubt, jetzt gegenüber den Kurden, die der einzig relevante Gegner im Kampf gegen den IS waren und immer noch ein Drittel des Landes kontrollieren, Fakten schaffen zu können, liegt am internationalen Konsens, der immer dann besteht, wenn es um Kurden geht. Für Scharaa scheint selbst der Schulterschluss mit ehemaligen Al-Qaida-Strukturen akzeptabler zu sein als die Anerkennung kurdischer Geschichte und Kultur.

Die aktuelle Gewalt gegen die beiden überwiegend kurdischen Stadtteile Aleppos reiht sich in eine lange Geschichte gesellschaftlicher Ausgrenzung ein. Antikurdischer Rassismus hat in Syrien im Lauf von Jahrzehnten eine stabile Form angenommen und wirkt unter veränderten politischen Bedingungen fort. Für die Kurden gab es nie eine reele Chance, Teil des syrischen Gemeinwesens zu werden. Und wenige Orte erzählen diese Geschichte so deutlich wie Sheikh Maqsud und Aschrafija.

Die Entstehung beider Viertel ist eng mit der sozialen Marginalisierung kurdischer Bevölkerungsgruppen verbunden. Kurdinnen und Kurden leben seit langem in der Region Aleppo und den umliegenden Gebieten. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelten sich Sheikh Maqsud und Aschrafija zu urbanen Räumen und zugleich zu zentralen Orten der Binnenmigration. Ökonomische Ungleichheit, staatliche Vernachlässigung und gezielte politische Ausgrenzung prägten ihre Entwicklung. In der syrischen Mehrheitsgesellschaft galten diese Viertel früh als Orte der Abweichung und Unsicherheit – mit konkreten Folgen: infrastruktureller Benachteiligung, intensiver Überwachung, politischer Kontrolle.

Der syrische Baathismus organisierte diese Ausgrenzung systematisch. Der Entzug der Staatsbürgerschaft für Hunderttausende Kurdinnen und Kurden ab 1963, Arabisierungspolitik und kulturelle Repression zielten darauf ab, eine kurdische Existenz dauerhaft zu delegitimieren. Kurdischsein galt als Störung der nationalen Ordnung. Diese Politik blieb nicht auf ländliche Regionen beschränkt. Nach der Gewalt gegen Kurden und Kurdinnen im Zuge des Qamischlo-Massakers 2004 flohen viele aus ländlichen Gebieten in die Städte – in der Hoffnung auf Arbeit und Sicherheit in kurdischen Enklaven. Auch dort jedoch wurden kurdische Viertel als periphere Räume verwaltet, deren Bewohner/innen nicht als gleichberechtigte Subjekte erschienen.

Mit dem syrischen Bürgerkrieg 2011 änderte sich daran kaum etwas. Zwar zerfiel die staatliche Kontrolle, doch große Teile der syrischen Opposition reproduzierten zentrale Elemente baathistischen Denkens. Ethnonationalistische Vorstellungen, homogene Staatsbilder und die Ablehnung kurdischer politischer Autonomie fanden sich auch in oppositionellen Diskursen wieder – insbesondere in islamistisch geprägten Milieus.

Die jüngsten Geschehnisse in Scheikh Maqsud und Aschrafija lassen sich nur vor diesem Hintergrund erklären. Die wiederholten Angriffe, Blockaden und Kollektivstrafen richteten sich nicht zufällig gegen diese Viertel. Sie folgten einem beliebten Muster der Feindmarkierung. Vor laufender Kamera werden Kurdinnen und Kurden als Schweine, als Ungläubige, als zionistische Agenten bezeichnet. Ironischerweise erreichten diese Übergriffe ihren Höhepunkt just in dem Moment, als Scharaa in Paris mit US-amerikanischen, französischen und israelischen Gesprächspartnern die israelische Pufferzone im Süden Syriens akzeptieren musste. Die Bekämpfung kurdischer Selbstorganisation diente diesmal auch der symbolischen Kompensation für die militärische Erniedrigungen durch Israel.

Die häufige Berufung auf geopolitische Erklärungen trägt zur Verharmlosung antikurdischer Gewalt bei. Denn regionale Interessen und internationale Machtverschiebungen spielen zweifellos eine Rolle. Sie erklären jedoch nicht, weshalb sich Gewalt so konstant gegen kurdische Zivilräume richtet. Die Kontinuität der Angriffe verweist auf gesellschaftliche Deutungsmuster, die lange vor der aktuellen Konfliktkonstellation etabliert wurden. Von Aleppo bis Essen brodelt es in der syrischen Community, in der eine völkische und nationalistische Rhetorik erschreckend offen artikuliert wird. Bilder gefolterter kurdischer Frauen oder von Gebäuden gestürzter Leichen kurdischer Kämpferinnen werden mit Spott, Häme und häufig sexualisierten Kommentaren versehen. Die Parallelen zu den Tagen der IS-Machtübernahme 2014 sind offensichtlich – und nicht zufällig. Mehrfach wurden bei den aktuellen Angriffen Kämpfer der HTS gesichtet, die offen IS-Abzeichen trugen.

In Scheikh Maqsud und Aschrafija verdichten sich damit nicht nur die Kontinuitäten syrischer Herrschaftsverhältnisse, sondern auch jene deutscher Mitschuld. Während der Übergriffe lud Friedrich Merz Scharaa nach Berlin ein, um über mögliche Abschiebungen nach Syrien zu sprechen.

Für Kurdinnen und Kurden ist klar, dass selbst offen angekündigte Gewaltverbrechen gegen sie im gegenwärtigen geopolitischen Gefüge als Randnotiz behandelt werden. Diese bittere Erkenntnis dürfte dafür verantwortlich sein, dass selbst tief verfeindete kurdische Parteien einander näherkommen – sei es bei gemeinsamen Demonstrationsaufrufen oder in Gesprächsformaten wie dem von Masud Barzani initiierten Treffen zwischen Tom Barrack und Mazlum Abdî in Erbil. Nach Jahrzehnten in unterschiedlichen Diktaturen, mit denen andere sich arrangieren konnten, ist den jeweiligen kurdischen Minderheiten klar, dass es für sie nie ein solches Arrangement gab oder geben wird.

Dastan Jasim schrieb in konkret 8/25 über die Verfolgung ethnischer und religiöser Minderheiten in Syrien

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