Mit Rosa im Schaukelstuhl
Wie der jüngst verstorbene Regisseur, Autor und Aktivist Rosa von Praunheim das Leben eines jungen Schwulen nachhaltig beeinflusste. Von Martin Knepper
Eine Frau um die fünfzig im Paillettenkleid setzt sich in einen Rattanschaukelstuhl und beginnt zu wippen. Die Szene dauert nicht ganz eine Minute und ist doch eine der qualvollsten und folgenreichsten des deutschen Nachkriegsfilms. Denn dieses Schaukeln, es hat nichts Behagliches an sich: Sie wippt in angespannter Körperhaltung draufos, wobei der Stuhl auf dem Fliesenboden nach hinten gleitet; sie rutscht haarscharf an einem Hängeregal vorbei und nähert sich bereits der Rippenheizung, als ein Türklingeln den Zuschauer erlöst. Stand Buñuels Rasiermesser in »Ein andalusischer Hund« (1929) für das Zerschneiden hergebrachter Sehgewohnheiten, so war der Schaukelstuhl von Luzi Kryn gleichsam das Wiegemesser, unter dessen abgehackten Schwüngen der deutsche Nachkriegsfilm mit seinen Rühmännern und Schulmädchen, leidzergrämten Fernsehspielen und Autorenlehrfilmen zerstückelt wurde.
Mindestens für mich. Schon bevor ich den Film »Die Bettwurst« (1971) zum ersten Mal gesehen hatte, waren sein Titel und der Name des Regisseurs, Rosa von Praunheim, Redensart und Legende geworden, sehnsüchtig beäugter wiederkehrender Klecks in der Programmzeitschrift, doch ach! Die Sendezeiten nach 22 Uhr sperrten mich (desto lockender) aus, bis ich mit 15 einen eigenen, winzigen Schwarzweißfernseher bekam. Und im leichten Gegriesel, das eine Zimmerantenne im Bergischen Land über jeden Kanal legte, sah ich den ersehnten Film zum ersten Mal. Plötzlich war alles sehr verwirrend und klar zugleich: Auch ich besaß einen solchen Schaukelstuhl, die Schwünge durch einen Flokati gebremst, mit viel zuwenig Platz zwischen Jugendbett und Rippenheizung, Gemütlichkeit in Ketten gelegt, meine Mutter hatte Luzis Paillettenkleid – ich zählte eins und eins zusammen, und am nächsten Tag bestellte ich mir Rosa von Praunheims Roman Sex und Karriere.
Praunheims selbstgewählte Rolle als Augenöffner wird seit Jahrzehnten in vielen Männergruppen, jetzt auch in Nachrufen betont, und es sind stets »Die Bettwurst« und der Homosexuellen-Film mit dem langen Titel, die genannt werden, meist das restliche Werk überschattend. »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt«, die mit dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker entstandene Filmpolemik von 1971, die das vermeintliche Paradies nach der weitgehenden Streichung des Paragrafen 175 als einen Bilderbogen durch Höllenkreise abschildert, verfehlt bis heute nicht ihre Wirkung und ist in Zeiten des Sterbens von Schwulenbars und Klappen zu einem auch nostalgisch zu sehenden Dokument geworden.
Ein Gutteil von Praunheims Werk blieb bis zuletzt Underground, ein buntschillernder Underground jedoch. Dazu trug, auch für mich, sein gutes Aussehen bei: In den siebziger und frühen achtziger Jahren waren er, Werner Schroeter und Hubert Fichte die Gestalt gewordene Versicherung, dass (spießbürgerlich postulierte) Devianz mit verdammt viel Sexyness verschwistert ist. Schroeter hat der Krebs geholt, Fichte, den Aids-Skeptiker, die Seuche. Nur Praunheim blieb, und er wurde eine der führenden Stimmen der Aufklärung über die neue Krankheit.
Im Familienkreis wurde ich Zeuge seines berühmten Fernsehauftritts von 1991, bei dem er Hape Kerkeling und Alfred Biolek indirekt outete. Aber waren da nicht noch andere, die er genannt hat? Die Nachrufe und Youtube-Schnipsel verschweigen es, aber die Namen Götz George und Helmut Schmidt, sie fielen zum ungleich größeren Entsetzen meiner Eltern (und meiner klammheimlichen Freude) ebenfalls.
Für einige Zeit stellten die Medien Praunheim danach unter die stille Treppe, doch seine Filme blieben präsent, nicht zuletzt im Bewusstsein meiner Mutter, die ihn fast mehr noch als ich als den Kronzeugen des deutschen Schwulseins betrachtete. Sie sog jede seiner TV-geeigneten Produktionen auf, zumal da Rosas Faible für Aktricen ihrer Generation wie Evelyn Künneke, Lotti Huber und Grete Mosheim ihr eine Art Brücke zwischen den so unterschiedlichen Lebenswelten offerierte. Ermutigt vom Film »Unsere Leichen leben noch« (1981) hat sie das erste und einzige Mal mit mir Haschisch probiert. Ihr danach geäußerter Satz »Wenn ich eine Kuhmaske hätte, wäre ich Lotti Huber«, hat für mich bis heute nichts von seiner Schönheit verloren. Dann waren Künneke tot, Huber tot, meine Mutter tot, und Rosa von Praunheim lebte immer noch. Doch allmählich wurde auch der Götterjüngling älter, wurden die Hüte und Ehrungen zahlreicher, selbst das Bundesverdienstkreuz bekam er 2017 an die Brust geheftet. Er hat weitergedreht bis zuletzt, 30 Jahre nach dem Film »Neurosia« (1995) verfilmte er mit der »Satanischen Sau« zum zweiten Mal seinen eigenen Tod. Der eingestandene Krankheitsneurotiker hatte schon immer auf das engste mit dem gemischten Paar Eros und Thanatos zusammengearbeitet. Und kurz nach der Uraufführung ist er gestorben. Um die Umstände herrscht eine ungewohnte Stille, und sie sei dem Mann gegönnt, der so oft ein unbequemes, aber notwendiges Maß an Neugier und Indiskretion gezeigt hat. 2019 habe ich Rosa von Praunheim im Fleische gesehen, das einzige Mal. Es war bei der Premiere seines Films »Darkroom – Tödliche Tropfen«. Als das Publikum Fragen stellen konnte, habe auch ich unbeholfen das Wort an den Mann mit dem pinken Zylinder gerichtet und er hat freundlich und rosaesk geantwortet. Aber eigentlich hätte ich einfach sagen sollen: »Danke für den Schaukelstuhl!«
Martin Knepper schrieb in konkret 11/24 über eine neue Klopstock-Biografie
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