Killerwinter
Stefan Gärtner über die Verwechslung gesellschaftlichen Versagens mit höherer Gewalt
Ein Freund war sarkastisch geworden, weil wegen Schnee im Januar Schulen schlossen und Busse nicht fuhren, und in sanft ironischer Wutbürgerlichkeit schickte ich ihm den Link zu einer historischen Aufnahme auf Youtube, die zeigt, wie die Bundesbahn Mitte der fünfziger Jahre stolz darauf ist, dass sie im dicksten Winter »überall dort, wo Gleise liegen«, den Betrieb aufrechterhält und bei minus dreißig Grad die Loks an meterhohen Schneewehen entlangdampfen lässt; zu Zeiten freilich, als man die »amtliche Frostwarnung« – als Warnung davor, dass es im Januar kalt werden kann – noch für einen Witz gehalten hätte. Je kaputter die Welt, desto sensibler die Instanzen, und da wird der Winter zu einem »harten« (Presse), auch wenn es nach einer Woche »Schneechaos« (lies: Schneefall) schon wieder taut. Aber da immer alles zwei Seiten hat, sind die zeitgenössischen Schmalspurwinter ein Segen für Menschen, die kein Obdach haben, und es werden immer mehr: »Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe betrifft Obdachlosigkeit in Deutschland derzeit etwa 56.000 Personen, und das ohne die Dunkelziffer. In den USA wurden im Winter 2024 mehr als 770.000 homeless people gezählt – eine Folge der Fentanyl-Krise sowie der hohen Lebenshaltungskosten. Die Zahl in Deutschland ist trotz Hilfseinrichtungen wie den Kältebussen schlimm genug, speziell in diesem harten Winter. Notunterkünfte melden, dass sie an die Grenzen ihrer Kapazitäten geraten. Vier obdachlose Menschen sollen laut BAG Wohnungslosenhilfe nun bereits erfroren sein.«
In diesem harten Winter nämlich, der so hart nicht mehr werden kann, dass er sich zum Bundesbahn-Winter von 1956 nicht eher wie ein November verhalten haben wird, jedoch als außergewöhnlich böser auftreten muss, um für Kapazitätsgrenzen und tote Obdachlose immerhin mitverantwortlich zu sein. Denn bürgerliche Berichterstattung, ob in München oder andernorts, die in Einkaufszeilen Erfrorene schlimm findet, ist die mit dem Arsch an der Heizung, und mit der Frostwarnung ist es so wie mit allem, was Verantwortung individualistisch zurückspielt: Selbst schuld, wer die Warnung in den Eiswind schlägt und bei solchem Wetter draußen schläft.
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